Donnerstag, 29. Juli 2010

Die Mutter des Museum Ludwig lädt ein: Sommerfest Simultanhalle 14. August

Ein Kunstleuchtturm steht unter Denkmalschutzverdacht: Die hell erleuchteten Shed-Dächer der Simultanhalle locken Freunde zeitgenössischer Kunst seit den 1980er Jahren in den Kölner Norden. © Simultanhalle

JOUR DU NORD/ FÊTE DU NORD
14. August ab 17 Uhr:
Das große Sommerfest der Simultanhalle

Programm:
- Performances von
Philipp Hamann (Köln), Bettina Hutschek (Berlin), Milo Köpp (Köln) und Tobias Sternberg (Berlin)
- ab ca. 22 Uhr FÊTE DU NORD mit The Joe Elegant Experience und DJs Maynor Suazo + Eddie Sayyid

Hintergrundinformation zum Ausstellunsort Simultanhalle

Kunst heilt Wunden

Nach dem verheerenden Attentat eines geistig verwirrten Kriegsveterans in der Volkhovener Dorfschule (heute Köln-Volkhoven) wurde die Schule 1964 geschlossen. Mit einem Flammenwerfer und einer Lanze tötete der Attentäter acht Kinder und zwei Lehrerinnen. Die Überlebenden leiden noch heute an den Folgen der Tat.

Die verschiedenen Fassadenverkleidungslösungen lassen sich noch heute gut an der Rückseite des Miniaturmuseums erkennen. © Simultanhalle

Wie Phoenix aus der Asche

Die geschockte Gemeinde wollte den Ort nicht weiter im vorherigen Sinne nutzen. Im Laufe der Jahre zogen zahlreiche Künstler wie die aus Prag stammende Eva Janoskova auf das verwaiste Schulgelände. Behutsam belebten sie das Gelände wieder, nutzen die Gebäude als Ateliers und verwandelten den Ort kontinuierlich in eine neue, grüne Idylle.


Das Museum in der Peripherie

Die Architekten Busmann und Haberer errichteten 1979 auf einer Freifläche hinter den ehemaligen Schulgebäuden den Prototypen des späteren Wallraf-Richartz-Museums/Museum Ludwig (das heutige Museum Ludwig). Die von zwei charakteristischen Shed-Dächern überwölbte, elf x elf Meter große Halle diente der Erprobung von Bodenbelägen, Wandverkleidungen und der Lichtführung.

© Simultanhalle

Künstler besetzen die Halle


Die noch heute in dem ehemaligen Schulgebäude ansässige Künstlerin Eva Janoskova verhinderte 1983 den Abriss des Miniaturmuseums. Sie organisierte Atelierausstellungen für Kollegen und sorgte mit einer Copy-Art-Ausstellung für Aufsehen. Ein Jahr später wurde das Kulturamt der Stadt Köln schließlich offizieller Träger der Halle. Und seit 1989 wird das künstlerische Programm der Simultanhalle von verschiedenen ehrenamtlichen Kuratoren in Folge gestaltet.

Die Institution und der Förderverein

1990 fanden sich Freunde in einem gemeinnützigen Förderverein zusammen. Bisher konnten sich annähernd 200 Künstler in der Simultanhalle in Einzel- oder Gruppenausstellungen präsentieren. Darunter sind inzwischen etablierte Künstler wie Walter Dahn und zuletzt auch prominentere Positionen wie Kai Althoff und Jutta Koether. Dank des teils hochkarätig besetzten Programms sorgte die Simultanhalle auch über die Region hinaus für Aufsehen und konnte sich als Ort für zeitgenössische Kunst auch international etablieren.

Im Innenraum befindet sich eine kleine Bühne - perfekt für Performances und Auftritte aller Art. © Simultanhalle

Der Name

Namensgebend für die Simultanhalle war die Einweihung des fiktiven "Klaus-Peter-Schnüttger-Webs-Museums“ der Video-Künstler Bettina Gruber, Maria Vedder und Ulrich Tillmann am 6. September 1986. Sie fand zeitgleich zur Eröffnungsfeier des Wallraf-Richartz-Museum / Museum Ludwig statt und wurde mit diesem durch Konferenz-Schaltung verbunden: Das Wechselspiel (die wahrhaftige Simultaneität) von klassischer, etablierter und zeitgenössischer Kunst wurde durch die Videobilder sinnlich erfahrbar.

Temporäre Intervention: Blockhaus trifft white cube

Der russische Künstler Igor Sacharow-Ross
veränderte die Simultanhalle im Jahre 2000 radikal: Sein Architektur-Objekt "sapiens|sapiens", ein massives, fensterloses Blockhaus, ergänzte die Simultanhallen-Architektur mit einer eindrucksvollen Präsenz. Wie die Simultanhalle war das Blockhaus als temporäres Projekt geplant, stand jedoch dem Kölschen Kulturchaos entsprechend bis zum August 2004 vor der Halle. Dann wurde das traditionelle udmurtische Blockhaus abgebaut und auf dem Gelände eines Kölner Berufskollegs wiedererrichtet, wo es seitdem dem Konzept Igor Sacharow-Ross' entsprechend als Ort des kulturellen Austausches dient.

Das aktuelle Konzept

Analog zum Modellcharakter der Architektur folgt das Ausstellungsprogramm dem Geist des Entwurfs und Experiments. Ziel des stetig wechselnden Kuratoriums ist es, aktuelle Positionen von etablierten Zugpferden mit weitgehend unbekannten Künstlern zu kombinieren, vorrangig solche, die speziell für die Simultanhalle konzipiert werden.

Denn der Bau und Ort bieten, umschlossen von einem Vorstadtidyll, einen grandiosen Blick auf die Burgkrone der Hochhäuser der 1970er Jahre Satellitenstadt Köln-Chorweiler. Und das alles gibt's mit perfekter Verkehrsanbindung, denn die S-Bahn Linie 11 vom Kölner Hauptbahnhof braucht keine 15 Minuten. Die fetten Jahre lassen Grüßen...

Nach zahlreichen Renovierungsmaßnahmen - der Bau war für den baldigen Abriss konzipiert - ist der Innenraum wieder intakt. Noch 2003 mussten Eimer und Wannen das eindringende Regenwasser auffangen. © Simultanhalle

Fazit: Unabhängige und nichtkommerzielle Kunstorte wie die Simultanhalle sind dank der Sparmaßnahmen mehr denn je von der Schließung bedroht. Doch durch regelmäßige Besuche, Mundpropaganda oder eine Mitgliedschaft im Förderverein kann jeder seinen Beitrag leisten!

Und fernab von Kunst und der jeweiligen Ausstellung lohnt bereits der ungewöhnliche Ort mit seiner wunderbaren Architektur die Reise, also hingehen!

Service:
Simultanhalle
Volkhovener Weg 209-211
50765 Köln
Lobenswert: immer freier Eintritt und faire Preise
Kontakt
0163 4016161

Links:
- Der Spiegel über das Attentat 1964 in Volkhoven
- Anja Bach: Das Attentat von Köln-Volkhoven
- Barbara Peter: Das Herz der Stadt stand still. Das Flammenwerfer-Attentat von Köln-Volkhoven. SH-Verlag, Köln 2004, ISBN 3-89498-144-X

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Möchte nur sagen, was für eine große Blog, das Sie hier haben! Ich bin schon ziemlich viel Zeit, aber schließlich entschieden, meine Wertschätzung für Ihre Arbeit zu zeigen! Thumbs up, und halten Sie es weiter!

Anonym hat gesagt…

Sehr gute Sachen.

Anonym hat gesagt…

Es gibt offensichtlich eine Menge zu wissen. Ich glaube, Sie haben einige gute Punkte in Funktionen auch. Halten Sie Ihren Arbeitsbereich, great job!