Dienstag, 5. September 2017

señuelo: Kassel - documenta - Schnitzeljagd - Tipps - Los geht's!

Was wie wo? Inspirierender Wegweiserwahn in Kassel, die Beschilderung ist wie immer ein Thema © Foto Gerd Mörsch

Wie in Münster lässt sich auch die Kasseler documenta gut mit dem Rad erkunden, besonders wenn Mann und Frau schnell von A wie Artur Zmijeski nach Bonita Ely düsen will. Wir werden die letzten Tage der so umstrittenen wie gut besuchten documenta noch mit Hinweisen begleiten.

Jetzt aber noch kurz zurück zu den Klagen über die documenta. Heute ein paar Zeilen zum Thema Beschilderung: Seien wir mal ehrlich, ist in Münster alles gut ausgeschrieben bzw. geschildert? Ist der Plan dort so viel besser? Steinewerfer nach vorne bitte, denn wer in Münster wirklich alles sehen will, verbringt auch viel Zeit mit der Suche...

Unsere Kritik an den aktuellen Labels bzw. Informationen zu den Werken in Kassel ist ganz schlicht, nicht neu: Erstens bitte immer Lektorieren, denn Tipp- und Rechtschreibfehler sind auch für die documenta peinlich. Zweitens Schriftgröße, angesichts der Tatsache, dass in der Regel mehrere Kunstinteressierte zeitgleich die Metadaten zum Werk und die teils durchaus gelungenen Begleittexte lesen wollen, ist die recht kleine Schrift eine Aufforderung zu performativen Verenkungen. 

Nach Mussolini jetzt auch noch das: Tanz den Kunststudierenden?

Vielleicht ist das ja Absicht und wir haben's nur nicht gemerkt... Unser Tipp daher: Demonstrativ auf den Boden setzen, so wie bei Videos, oder besser noch knien, der Anbetungsgestus ist sicher einige Fotos wert. Intellektuelle lesen das dann an Jan Hoets Kunst zum Niederknien-Ausstellung. Im Sitzen oder Knien kann man in Ruhe die langen Texte mit der notwendigen Konzentration lesen. Auch nicht unpraktisch in diesem Kontext: Maxi-Mega-High-Heels zum Drüberschauen...

Abschließend noch was zum Thema der Materialität. learning from Athens, das heißt auch improvisieren, günstig und auf's Wesentliche konzentrieren, nicht mit Marmortafeln klotzen. Vor diesem Hintergrund, also die Tatsache, dass man zwei documenta-Ausstellungen mit einem Budget stemmt, finden wir die Kritik an den Papierschildern wohlfeil. Papierschilder, auf dem PC vor Ort selber gedruckt, sind nicht nur die günstigste sondern auch die nachhaltigste Variante der an der Wand fixierten Information zum Werk.

Lassen Sie uns doch einmal über die Inhalte reden...
 
Ja, auch das ist schwierig oder besser interessant, also je nach dem, welcher Position Mann und Frau denn nahe stehen. Entgegen der dominanten Kritikenflut über die so unsinnliche, schwere, weil politisch belehrende documenta-Kunst haben wir sehr viele Werke gesehen, die leicht waren, die Spaß machten und teils auch reinste l'art pour l'art. Es drängt sich der Verdacht auf, dass viele der Werke - zumindest von den Kritikern - garnicht gesehen werden oder wurden...

Aber sei's drum, auch ohne fragwürdige Skandale - wie zuletzt um 'Auschwitz on the Beach' (siehe hier) von Franco Berardi - wird ja viel über die documenta geredet. Zumindest von jenen, die sich selbst eine Meinung, ein Bild von der schier unüberschaubaren Schau machten anstatt dem Feullieton-Mainstream zu folgen. Und ein documenta Werk (siehe hier) wurde sogar zum Politikum. 

Verkehrte Welt: Bild- und Persönlichkeitsrechte von V-Männern...

Es handelt sich um das Video über den NSU-Mord an Halit Yozgat. Die Gesellschaft der Freund_innen von Halit hat dieses Werk in der Neuen Neuen Galerie präsentiert. Sie verbindet verschiedene Gruppen und Initiativen wie das ''Tribunal NSU Komplex auflösen, die Initiative 6. April oder Forensic Architecture und viele andere Aktivist_innen, Forscher_innen, Wissenschaftler_innen, Filmemacher_innen und Künstler_ innen.''

Das u.a. mit
Forensic Architecture geschaffene Video sorgte für Aufmerksamkeit in Wiesbaden, genauer im Untersuchungsausschuss des hessischen Landtages. Dort wurde aufgrund des documenta-Arbeit der von Amnesie stark betroffene V-Mann Temme befragt. Seine Antwort: Er könne sich an kaum etwas erinnern, habe von dem documenta-Kunstwerk gehört und sorge sich daher um seine Rechte am Bild...



 Was: Kein Scherz, keine Kunst, ein Warnschild... Wo: Neue Neue Galerie © Foto Gerd Mörsch

Hier nun kurz und knapp noch ein paar ganz persönliche Tipps zur documenta 14 in Kassel:

Neue Neue Galerie/Erdgeschoss:
- der NSU-Film ist sehenswert, organisiert von den oben erwähnten Freunden von Halit 

- die Arbeit von Daniel Garcia Andujar
 

Neue Neue Galerie/3. Geschoss:
- die hörspielartige Arbeit von Irena Haiduk, aber leider nur in Englisch erfahrbar und wir fragen uns daher, warum schließt man über 50 % der Besucher durch die nur englische Tonspur aus?  


Neue Neue Galerie/Zischengeschoss:
- Artur Zmijewski, Edi Hila und die historischen Schreibmaschinen-Kunst-Werke

Glaspavillons Kurt-Schumacher-Straße:
- unser Liebeling hier ist der Raum von Vivian Suter, er erinnerte uns auch an Ernst Wilhelm Nays legendäre Hängung seiner documenta Arbeiten an der Decke 

Grimmwelt:
- hier vor allem Susan Hiller

Ottoneum:
- der Film von Rosalind Nashashibi ist faszinierend und berührend zugleich
- auch sehr schön ist die Arbeit von Khvay Samnang

Palais Bellevue:
- zuerst der Film von Roee Rosen, humorvoll,bissig politisch, tolle Musik und alle Frank Zappa Fans werden die Kopie von Joe's Garage erkennen...
- generell gefällt uns das Bellevue aufgrund seiner Überschaubarkeit, der Atmosphäre in dem historischen Ambiente, es gibt viele schöne Positionen wie Olaf Holzapfel...
 

ZUM SCHLUSS für alle Ausstellungsmacher noch das Folgende zum Thema Video-Multimedia-Kunst: 
BITTE macht eine Digitalanzeige über dem Eingang zu den Medienkunstwerken zum Standard, so wie bei der documenta 13 bei Rabih Mroue im Südflügel des Kulturbahnhofes. Interessierte konnten an der Anzeige ablesen, wann der Film beginnt, ein unglaublich hilfreicher Service...

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