Donnerstag, 11. Oktober 2012

Die Gedanken sind frei (2) - Giftige Erdbeeren unter freiem Himmel für alle



Kunstdiskurs im öffentlichen Kasselraum:
Ist das Kunst oder Kiste und vor allem, kann das weg?
© Gerd Mörsch and the artist

kunstlich.com hatte am 5. Oktober bereits von der sicher nicht zufällig nur wenige Tage nach dem Ende der Weltkunstschau dOCUMENTA(13) in Kassel eröffneten Austellung berichtet. Wir haben uns das auf den öffentlichen Raum konzentrierte Projekt ALLES UNTER DEM HIMMEL GERHÖRT ALLEN etwas genauer angesehen. Und jetzt ist Schluss mit lustig.

Denn wer diese Tage durch herbstliche Stadt im Zentrum und im Auepark flaniert, wird Merkwürdiges entdecken. Riesige Holzkisten mit chinesischen Schriftzeichen und Adressen, so wie die oben gezeigte in der Nähe der Markthalle. Handelt es sich hierbei etwa um Kunst? Eine funktionale, art-shippige Holzkiste aus dem Exportweltmeisterland, eine Metapher für den globalen (Kunst-)Handel im Zeitalter von Kapitalmarktdepression? Oder ist es doch nur eine leere Kiste, im Kunststress stehen geblieben, vielleicht auch Entsorgung zu teuer? 

Copied in China: Kippenberger-Kirkeby-Kitsch

Möchte ZHANG Jin - wie der vermeintliche Kistenkünstler vermutlich heisst - vielleicht genau diese slominskiesque Gedankencascade hervorrufen? Nein. Nicht nur aufmerksame Zyniker dürften beim Spazier- oder Kunstrundgang in der hessischen Mittelstadt angesichts der weiteren fragwürdigen Zustände am Kunstcharakter und -verständnis der Verantwortlichen zweifeln. Kommen wir zur nächsten, wahrhaftigen Baustelle:
 

Und so stellen wir uns erneut die Frage nach dem wahren Charakter dieser Installation vis-a-vis des Kasseler Staatstheaters. Baustoffe sind teuer und werden nicht unbedacht stehen gelassen. Ist die Harmonie des Ziegelfarbtones mit jenen der Mauer nicht zu subtil um zufällig zu sein? 
 © Gerd Mörsch, the artist or the installation-team

Installed in Germany - Made in China

Aufklärung sei Dank: Die edlen, in der Regel etwas windschief installierten, metallenen, mit laminierten Buntdrucken beklebten Informationstafeln klären die Situation: Das ist Kunst. Demzufolge hat der Künstler wohl sein Material in der Eile des Kunstjetsets vergessen. Oder hat ihn noch keiner von der Stadt Kassel daran erinnert - von den Kuratoren ganz zu schweigen.


Ungewollte Einblicke in die Mechanismen der Kultur- bzw. Wirtschaftspolitik. 
© Gerd Mörsch and the artist

Angesichts der Häufung solcher Zustände - Kunsthistoriker dürfen auch Environments sagen - fragen wir uns, ob der Künstler GHUAN Huaibin oder der Kurator überhaupt anwesend war. Denn die Ziegelsteine sind doch nicht erst nach der irisartigen Installation - der feinsinnig wohl auf den benachbarten Rosenhang bezogene, so genannte Garten der Erlösung - gekommen. Oder doch? Wieder fragt man sich, ob nicht vielleicht durch einen ganz blöden Zufall die Kunst von ZHANG Jin in der Kiste einfach nicht ausgepackt wurde.  

 
   Pfusch beim Bau oder sind die beiden nicht in den Mörtel gesteckten Schrauben vielleicht Metaphern für kritische Leerstellen in der Gesellschaft?
© Gerd Mörsch, the artist or the installation-team

Kassel spielt Bundesliga? Parallelen zu Merkels China-Offensive  

Keine Sorge, es wird noch besser und geht in Kürze weiter an dieser Stelle. Vorab sei jedoch schon mal angemerkt, dass die Kritik hier weniger auf die Künstler selbst und deren Positionen zielt, sondern dem wortwörtlichen Zustand der leider nur vermeintlich so bedeutenden Ausstellung gilt: Wer hat das zugelassen - oder soll man sagen verschuldet - und warum? Schließlich auch das: Was will uns das - denn unbewusst gilt hier nicht - eigentlich sagen? Und hat die Autorin der recht positiven Kritik in der Zeit - siehe 41/2012, S. 57 - all die Missstände nicht gesehen?


Kunst oder Kirmes? Diese Frage ist in der Nähe des Fridericianums nicht immer so leicht zu beantworten. © Gerd Mörsch and the artist

Angesichts der subtilen Positionierung - die Kuratoren betonen die Auseinandersetzung der Künstler mit der Stadt Kassel und dem Umfeld ihrer Arbeiten - wird diese Frage Kunst oder Kirmis, also wieder jene nach dem Charakter dieser Installation erst dank der unscheinbaren Informationstafel beantwortet. Den Kindern ist's egal. Zudem sind Kirmesbuden in der Nähe des Friedrichsplatzes das Gegenteil der Ausnahme.

Erstes Fazit zum räumlichen Konzept: 
Konsequente, weil intendierte Deplatzierung
Ein weiteres Beispiel am Fuldaufer...
 

Auch hier ist der Umfang der Pseudo-Tony Cragg Arbeit nicht sofort ersichtlich. Gehören die beiden metallenen Plastiken zusammen?
© Gerd Mörsch, the artist

Da hilft nur Spekulieren: Also fernab von der Frage, ob der Künstler CHEN Wenling sich die in Kassel verfügbaren, für temporäre Absperrungen gestaltete Zauntypen angesehen und gar ausgewählt hat, scheint ein Detail verdächtig: Da der Baustellenzaun das Werk nicht ganz umfasst, liegt die Vermutung nahe, dass er nicht Teil der Installation ist. Aber was soll er dann verhindern oder andeuten?

Von Gefahren im öffentlichen Raum und knappen Kassen. 
Oder ist vielleicht die Versicherung schuld? 

Verdächtige Hinweise: Auch das nackte, übergroße wie -gewichtige Kind, das von einer ebenso überdimensionerten Leiter aus in die Neue Galerie schaut, ist weiträumig mit einem Zaun gleichen Typs abgesperrt. Daher scheint es sich sich wohl auch am Fuldaufer tatsächlich um eine Absperrung zu handeln. Aber vielleicht hat man CHEN Wenlings Werke ja nur temporär am Fuldaufer positioniert. Dafür spricht auch die hinter der Mauer versteckte Tafel, oder?
 
 
Schade. Auch hier wir der tatsächliche wie intellektuelle Zugang erschwert.
© Gerd Mörsch, the artist
 
Und so fragt man sich wieder, warum der Künstler - CHEN Wenling nennt das Werk Chinesische Landschaft - das Publikum auf Abstand halten will. Oder sind die Gerüchte von herabstürzenden Kunstteilen wahr? Die reflektierende Oberfläche seiner Plastiken zumindest deutet eher auf den gewünschten Spiegeleffekt des Rezipienten beim Rundgang um das Werk.

Vorsicht, Kunst!
 

Das hat doch was, so sieht man den herrlichen Auepark gern, den die dOCUMENTA (13) zu einem prominenten - wie die zu unrecht kaum bekannte Orangerie - zu einem ihrer Haupt-Ausstellungsort machte. 
© Gerd Mörsch, the artist
 
Wohl kaum ein anderer Ort in Kassel wird - wenn die von den Besuchermassen verursachten Narben verheilt sind - so nachhaltig von der nicht nur durch ihr Raumkonzept ungewöhnlichen dOCUMENTA (13) profitieren. Der Auepark wird sicher vielen Besuchern im Gedächtnis verhaftet bleiben. Doch neben der Song Dong Baustelle - der massive Erdhügel, den wir hier sorgfältig ausgeblendet haben - wirkt auch diese Installation deplatziert. Und auch hier bleibt zu bezweifeln, ob DING Yi diese Positionierung seiner Ruyi genannten Plastiken schätzt.
 
Bald geht's weiter, vorab schon mal die folgenden Ausblicke:

  © Gerd Mörsch, the artist

© Gerd Mörsch, the artist

© Gerd Mörsch, the artist

© Gerd Mörsch, the artist

© Gerd Mörsch, the artist

© Gerd Mörsch, the artist

  Hintergrundlinks:
- Der Spiegel über Merkels China-Politik 35/2012
- Die TAZ über das umstrittene Kulturjahr 2.10.2012
- Eigenwerbung: Der blog der Ausstellungsmacher

Keine Kommentare: