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Freitag, 27. Januar 2017

Buchtipps: Ulrich Beck, Elfriede Brüning und Martin Luther King - anregende Positionen


Ein Screenshot von Helmut Draxlers Artikel 'Wo stehst Du Kollege?' zu 20 Jahren Texte zur Kunst. Statt Pop Art oder Land Art oder gar Concept Art raus auf die Straße? Jörg Immendorfs Bild von 1973 bringt die Frage, wie politisch können, sollen oder müssen (?) Kulturschaffende sein, auf den Punkt. © Jörg Immendorf, VG Bild-Kunst

Lesen hilft oft weiter. Und der hörenswerten Literatursendung 'Andruck - Das Magazin für Politische Literatur' von Deutschlandfunk verdanken wir die folgenden, inspirierenden Buchtipps. Denn wir sind ja bekanntlich wie Jörg Immendorf der Meinung, dass Kunst per se politisch ist und liefern in diesem Sinne an dieser Stelle Material für nachhaltige Aufklärung...

Was Kunst ist, wird ja meist in Seminaren und Großveranstaltungen wie der diesjährigen documenta immer wieder neu verhandelt. Und dass es sich bei der diesjährigen, der 14. Ausgabe der 1955 erstmals in Kassel ausgerichteten documenta um eine recht politische Ausstellung handelt, dafür sprechen viele Zeichen. Nicht zuletzt das 'learning from Athens' genannte Leitmotiv.

Wir sind gespannt und freuen uns schon jetzt auf die bald mögliche, nur alle 10 Jahre so vorkommende Kunstgrandtour von Kassel nach Münster und dann - dank dem genannten Leitmotiv der documenta 14 - über Venedig nach Athen. Jetzt aber zu dem angekündigten Lesestoff, wobei zuletzt noch betont werden sollte, dass auch die Kunst der Rezension von Literatur eine hohe ist. Davon zeugen die hier nur kurz zusammengefassten Rezensionen der Autoren Katja Ridderbusch, Günter Kaindlstorfer und Tom Göller.
  
Ein Screenshot der Deutschlandfunk-Website mit der lesens- und hörenswerten Rezension von Katja Ridderbusch. Das Bild zeigt Martin Luther King am 28. August 1963 in Washington, D. C. © Deutschlandfunk und Foto AFP

Martin Luther King: Ich bin auf dem Gipfel des Berges gewesen. Reden. Frisch aus der Druckerei, jetzt im Edition Nautilus 

Katja Ridderbusch rezensiert die häufig zitierten, in zahlreichen Songs gesampelten und in vielen Collagen als Fragment vorhandenen Reden des wortgewaltigen Predigers Martin Luther King. Jener Visionär und Friedensnobelpreisträgers, der in den 1960er-Jahren die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung als deren zentraler Protagonist anführte und von konservativen Kreisen und Nachrichtendiensten zum gefährlichsten Mann Amerikas gekürt wurde.

I have a dream...

Die Reden der 1968 erschossenen Ikone des Freiheitskampfes haben eine noch heute wirkmächtige Aktualität und traurige Brisanz. Einige seiner Reden erscheinen dank der Edition Nautilus nun zum ersten Mal auf Deutsch, sie zeigen, so Katja Ridderbusch, eine bislang weniger bekannte Seite des wortgewaltigen Baptistenpredigers. Sie sind besonders vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Entwicklungen in den U.S.A. geradezu unheimlich aktuell.
 

Ein Screenshot der Deutschlandfunk-Website mit der lesens- und hörenswerten Rezension von Günter Kaindlstorfer. Das Bild zeigt Ulrich Beck im Jahre 2006. © Deutschlandfunk und Foto Claudia Esch-Kenkel/picture-alliance/ZB

Ulrich Beck: Die Metamorphose der Welt, druckfrisch beim Suhrkamp Verlag 

Die Welt ist aus den Fugen, so zitiert Beck einleitend Hamlet und fährt wie folgt fort: In diesem Buch versuche ich zu verstehen und zu erklären, warum wir die Welt nicht mehr verstehen. Globale Katastrophen und Krisen zeigen deutlicher denn je, das der Nationalstaat nicht der Lösungsansatz für globale Probleme sein kann. Gerade in der den aktuellen Debatten und politischen Tendnezen tut diese klare Ansage gut. Doch Beck ist kein Freund von einfachen Antworten, er ist weder ein Freund von Zukunftseuphorikern noch von Dystopikern.

...take your towel and remember: don't panic!


So wie die Raupe nicht weiß, dass aus ihr ein Schmetterling wird, weiß momentan niemand, wohin sich die Welt entwickeln wird, formuliert Beck und bevorzugt angesichts der nicht absehbaren Prozesse den Begriff der Metamorphose, um den notwendigen, grundlegenden Wandel zu kennzeichnen. Die überzeugende Mittlerposition des 2015 verstorbenen Soziologen Ulrich Beck in seinem letzten, von Co-Autoren vollendeten Buch über die globalen Transformationsprozesse, regt an und macht Mut.


Ein Screenshot der Deutschlandfunk-Website mit der hörenswerten Rezension von Tom Göller war leider nicht möglich, da der Beitrag bisher nur als Audio-Datei vorliegt. Das Bild zeigt das Cover des Buches von Sabine Kebir: Frauen ohne Männer? Selbstverwirklichung im Alltag. Elfriede Brüning © Aisthesis Verlag

Sabine Kebir: Frauen ohne Männer? Selbstverwirklichung im Alltag. Elfriede Brüning (1910-2014), just erschienen im Aisthesis Verlag.  

Eine Frau, die alle politischen Systeme Deutschlands im 20. Jahrhundert erlebte, das Kaiserreich, die Weimarer Republik, das Dritte Reich der Nationalsozialisten, die DDR und die gegenwärtige Bundesrepublik, ein spannendes Buch. Dank den ausführlichen Interviews der Autorin Sabine Kebir liefert dieses Buch eine fast 1000 seitige, dennoch kurzweilige Biografie, der es gelingt Brüning den Lesern so nahe zu bringen, als hätten sie Brüning selbst kennengelernt, lobt der Rezensent Tom Göller.

Eine visionäre Kämpferin für Frauen- und Kinderrechte und überzeugte Sozialistin  


An ihrem 100. Geburtstag nach wesentlichen Erfahrungen befragt, antwortete Brüning wie folgt: Sollten mich junge Leute fragen, was meiner Meinung nach das Wichtigste im Leben ist, so würde ich sagen…das Wertvollste ist, neben einem gesunden Körper, eine Arbeit, die Befriedigung gibt, die kann beglückender sein als die Liebe, ist beständiger als die Leidenschaft und niemals so quälend wie die Eifersucht…

Service und Links

- die Website der Literatursendung  Andruck - Das Magazin für Politische Literatur von Deutschlandfunk, hier
- Katja Ridderbusch rezensiert die Neuerscheinung von Martin Luther Kings Reden, hier
- mehr über Martin Luther King, hier
- Günter Kaindlstorfer rezensiert Ulrich Becks Buch Die Metamorphose der Welt, hier 

- mehr über Ulrich Beck, hier
- Tom Göller rezensiert Sabine Kebirs Buch: Frauen ohne Männer? Selbstverwirklichung im Alltag. Elfriede Brüning, hier
- mehr über Elfriede Brüning, hier


HINWEIS: Wie freuen uns sehr über Kommentare, Feedback und Kritik sind uns wichtig, wer einen Kommentar hinterlassen will, kann diese natürlich zu jedem Beitrag tun, einfach unten auf 'Keine Kommentare:' klicken und lostippen...

Freitag, 16. Dezember 2016

Buchtipps: Schattenseiten der Wohlstandsgesellschaft und Frauen in der Kultur

Frauen kommen zwar häufiger ins Museum als früher, doch ihre Kunstwerke sind wie Frauen in Führungspositionen noch immer relativ selten. Für Gleichberechtigung und Transparenz im Kunstbetrieb kämpfen die Guerilla Girls seit Jahrzehnten © courtesy Guerilla Girls www.guerrillagirls.com

Zugegeben, das sind harte Themen und es ist bald Weihnachten. Ja aber. Kuscheln kann man woanders und für die heile Welt sollte man Soaps und Telenovelas schauen, Kitschromane lesen oder Trump wählen. Also Punkt. Kulturpolitik ist Gesellschaftpolitik. 

Diese These der 1970er Jahre hat sich zunehmend als Erkenntnis politisch Verantwortlicher durchgesetzt. Zumindest in Vorträgen und Absichtserklärungen. Denn als freiwillige Leistung der Kommunen wird Kultur und kulturelle Bildung meist nur budgetabhängig spendiert. Doch angesichts der aktuellen, gesellschaftlichen Herausforderungen wird kulturelle Bildung - nicht nur - in der Bundesrepublik zunehmend als eine wesentliche Voraussetzung für eine emanzipierte, gesellschaftliche Teilhabe begriffen.

Da war doch was, aprospos Teilhabe... 

Eigentlich sollte der für gesellschaftliche Teilhabe nicht unwesentliche Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesrepublik schon im Sommer 2016 publiziert werden. Aber kurz vor der Weihnacht 2016 heisst auf der Website des Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesrepublik nun: Unter der Federführung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales wird die Bundesregierung die 2001 begonnene Bestandsaufnahme der sozialen Lage in Deutschland fortsetzen und im Jahr 2017 den Fünften Armuts- und Reichtumsbericht (5. ARB) vorlegen.

Oder hat Putin etwa wieder seine Finger im Spiel?

Pünktlich nach der Wahl 2017 wird der 5. ARB veröffentlicht, sticheln Experten. Wenn die Russen und andere böse Kräfte aus dem Darknet ihn nicht vorher hacken, prophezeien andere. Wir wollen postfaktischen Diskussionen hier - ausnahmsweise - mal nicht so viel Raum geben. Oder doch?

Der Verdacht liegt schon nahe, dass die Zahlen und die aus Ihnen kreierbaren, ernüchternden Thesen zur Entwicklung von Armut und Reichtum in der Bundesrepublik bewusst aus dem beginnenden Bundestagswahlkampf herausgehalten werden.
 

Wirklich alle? Nein, ein 'kleiner' Verband leistet Widerstand...

Zum Glück gibt es Alternativen, den aktuellen Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands etwa. Der ist schon jetzt verfügbar und gibt detailliert Auskunft. Franz Köger, Autor der kulturpolitischen mitteilungen, fasst den Bericht wie folgt zusammen: 'Trotz aller Erfolgsmeldungen ist ein beachtenswerter Teil der Bevölkerung in seinen gesellschaftpolitischen Partizipationsmöglichkeiten materiell erheblich eingeschränkt.'    

Wie arm ist meine Stadt? Die Postleitzahl gibt Auskunft...

Machen wir es doch mal konkret: In Köln sieht die Entwicklung der Armut laut Deutschem Paritätischen Wohlfahrtsverband wie folgt aus: 2009: 14,7%, 2010: 15,1%, 2011: 16,3%, 2012: 16,4%, 2013: 17,5%, 2014: 16,3%. Als arm gilt, wer über weniger als 60% des Durschnittseinkommens verfügt. Die Zahlen für 2015 dürften besonders spannend sein, denn, so formuliert es Franz Köger vorbildlich deutlich:
  
'Wenn aber die positive Wirtschaftsentwicklung kaum noch Einfluss auf den Abbau von Armut in Deutschland hat, dann bleiben staatliche Transferleistungen für die Herstellung gleichwertiger Lebensverhältnisse unausweislich.' Wir danken Autoren wie Köger für die klaren Worte und sind gespannt, wie die neuen Zahlen aussehen und vor allem, wann sie denn veröffentlicht werden. Und jetzt widmen wir uns dem zweiten Thema und Buch.

Klare Zahlen: Frauen in der Kultur

Die vom Deutschen Kulturrat finanzierte Studie zur Situation von Frauen in der Kultur ist zunächst einmal lobenswert. Denn eine Studie, die es sich erlaubt, 20 Jahre - 1994-2014 - für die Entwicklung der Geschlechtergerechtigkeit als Basis zu wählen, macht viel Arbeit. Die Situation der Frauen in den Kultursparten, den entsprechenden Studienfächern, in den Kultureinrichtungen, in den Medien, in der Freiberuflichkeit, bei den öffentlichen Förderungen und in den Bundeskulturverbänden ist das Thema.

Und die Zahlen sind, wen wundert es, wenn er in der Szene tätig ist, ernüchternd. OK, die Zahl der weiblichen Studierenden in den künstlerischen Fächern hat sich in den letzten Jahrzehnten auf insgesamt 60% erhöht und immerhin 40 Prozent der Lehrkrafte in den Fächern Kunst und Kunstwissenschaft sind inzwischen weiblich. Auch in den Kultureinrichtungen sind Frauen an der Spitze - und im Mitelbau - nicht ungewöhnlich. Gleichverteilt oder gar -berechtigt sind sie aber noch lange nicht.

Fazit: Es bleibt noch einiges zu tun...

Die empirisch anspruchsvolle Studie liefert wichtiges Material zur Analyse der Geschlechterverteilung im Kulturbereich und beleuchtet zugleich die Entwicklung vor dem Hintergrund der erfolgten, rechtlichen Maßnahmen - Stichwort Gleichstellungspolitik. Wie war das doch gleich? Kulturpolitik ist Gesellschaftpolitik, es handelt sich also um ein gesamtgesellschaftliches Problem. Also packen wir's oder im Sinne der Guerrilla Girls prangern wir's an.

Links
- der Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbands, hier
- die Website der Bundesregierung zum 5. Armuts- und Reichtumsbericht, hier
- die Buchvorschau des Deutschen Kulturrates: Frauen in der Kultur, hier
- Analyse und Kommentar: Julia Schröder über das Buch Frauen in der Kultur, hier
- Eva von Schirach über die Situation der kulturellen Bildung in der Bundesrepublik, hier
- weitere spannende (politische) Buchtipps, hier
- Informationen über die kulturpolitischen mitteilungen, hier
- Informationen zu den Aktionen der Guerilla Girls, hier
 
PS: Die Zitate von Franz Köger stammen aus seinem Artikel 'Schattenreiche der Wohlstandsgesellschaft' in den kulturpolitischen mitteilungen, Nr. 154, Heft III/2016, S. 13.

Dienstag, 22. November 2016

Kein moralischer Zeigefinder mehr? Die Falle in der Kunst des 20. Jahrhunderts

Das inzwischen vergriffene, daher nur noch antiquarisch zu erwerbende Buch 'Die Falle in der Kunst des 20. Jahrhunderts'. Das Buchcover zeigt eine Arbeit von Andreas Slominski: Elritzenfalle (2005) © Museum für Moderne Kunst, Frankfurt , Foto: Axel Schneider

Die Falle in der Kunst ist ein auf kunstlich.blogspot.de regelmäßig wiederkehrendes Thema. Bereits 2010 haben wir an dieser Stelle ausführlich das Buch Die Falle in der Kunst des 20. Jahrhunderts vorgestellt. Daher folgt an dieser Stelle nur der Hinweis auf ein hörenswertes SWR-Matinee zum Thema Falle.  

Die Omnipräsenz der Falle als evolutionäres, eben nicht nur menschliches Prinzip spiegelt sich in der Fülle der Beiträge des dreistündigen SWR2-Matinees zu Falle. Hier folgt eine Auflistung der Titel der verschiedenen Beiträge und Gespräche, die alle als Podcast zum Nachhören auf der SWR2-Website bereitgestellt werden. Sie verdeutlichen die Vielseitigkeit des Themas und den durchaus gelungenen Versuch des SWR, die verschiedenen Perspektiven des Phänomens Falle im Rahmen eines umfassenden Matinees zu beleuchten: 

Mit dem Fallensteller im Wald - Gespräch mit Christoph Hildebrandt über Fallenstellen als Jagdtechnik - Auf den Leim gegangen : Die Tricks der fleischfressenden Pflanzen - Vorsicht Falle!: Die Tricks von Neppern, Schleppern und Bauernfängern - Gespräch mit Prof. Dr. Timm Grams über Denkfallen - Die Radarfalle - Die Falle in der modernen Kunst - Gespräch mit Peter von Matt: über literarische Fallen - In der Abseitsfalle.

Service und Links  

- SWR2 Matinee zur Falle, hier
- SWR2 Feature von Claudia Friedrich über die Falle in der modernen Kunst, hier
- kunstlich.blogspot.de über das Buch Die Falle in der Kunst des 20. Jahrhunderts, hier

- kunsttexte.de: Spiegelung im Werk von Andreas Slominski – Gerd Mörsch über eine Kampfhundfalle des Künstlers, hier
- kunstlich.blogspot.de über die Frankfurter Slominski-Ausstellung (2010), hier
- das Buch Die Falle in der Kunst des 20. Jahrhunderts bei ART-Dok, hier
- Tipp: Mehr zum Verhältnis von Kunst und Falle auf kunstlich.blogspot.de findet man über die Suchfunktion im blog

Sonntag, 20. Oktober 2013

Globalisierung war vorvorvor...gestern? 'Kolumbus Erbe' von Charles C. Mann

 Kolumbus betritt Amerika, Kupferstich, 110 x 69 mm,Braunschweig, 18XX, aus: Die Entdeckung von Amerika : ein Unterhaltungsbuch für Kinder und junge Leute. 1 / Campe, Joachim Heinrich). - Bd. 1. - Frontispiz
Quelle: Pictura Paedagogica Online

Warum die Malaria erheblichen Anteil an der Zementierung des Sklaven- handels in den südlichen Staaten der USA hat, was der Regenwurm mit den amerikanischen Wäldern anstellt und wieso die aus Südamerika stammende Süßkartoffel den chinesischen Bevölkerungsboom vorantrieb... 

Das alles erfährt man unterhaltsam und doch wissenschaftlich fundiert beschrieben in Charles C. Manns nun auf Deutsch erschienem Buch 'Kolumbus Erbe', daher dieser Buchtipp für alle, die Muße und Interesse haben.

Kolumbus' Erbe
Wie Menschen, Tiere, Pflanzen die Ozeane überquerten und die Welt von heute schufen
von Charles C. Mann

Rowohlt-Verlag, 816 Seiten
34,95 EUR 


Mehr Informationen hier 

Montag, 29. April 2013

Wenn der Mantel Gottes durch die Geschichte geht...

Aus leider noch immer aktuellem Anlass möchten wir auf eine spannende Dissertation verweisen, die sich mit der Entstehungsgeschichte des - inzwischen für viele so leidigen - Euro beschäftigt.   

Bilanz einer gescheiterten Kommunikation ist der Titel der Arbeit von Dr. Jens Peter Paul, der so nett ist, diese als PDF im Internet zu veröffentlichen. Neben der an sich aus gegebenen Anlass schon interessanten Lektüre sind bundesdeutsche Medien aber vor allem über die wunderbar ungeschönten Worte von Dr. phil. Dr. h. c. mult. Helmut Josef Michael Kohl gestolpert. Paul interviewte Kohl 2002 und hatte Glück. Und wir haben daher nun unsere Freude an den ungewöhnlich klaren Worten des großen Europäers Kohl, wie man heute so schön sagt.

Von den größten Anpassern, Antisemiten und posthumen Geschichten
  
Stellvertretend folgt hier nun ein Zitat aus dem Interview mit Kohl: ''Das deutsche Fernsehen wird domestiziert vom WDR. Da brauche ich Ihnen doch nicht die Gesichter zu zeigen, die da hocken! Gucken Sie sich doch einmal den an, der jetzt gerade Fernsehdirektor wird, den man jetzt schon bis zum Erbrechen einmal am Wochenende sehen muß im Bericht aus Berlin! Ich bin ein freier Mann, ich kann zum ersten Mal in meinem Leben so frei reden, wie ich nur mag! Und das genieße ich.'' (S. 290)

Außerdem im Anhang Interviews mit Dr. Theodor Waigel und Oskar Lafontaine. Und für alle, die sich fragen, was für ein Titel denn dieser Beitrag trägt, sei an dieser Stelle noch bemerkt, dass es sich auch dabei um ein Zitat des großen Europäers handelt...

Service:
Jens Peter Paul:
Bilanz einer gescheiterten Kommunikation
Fallstudien zur deutschen Entstehungsgeschichte des Euro und ihrer demokratietheoretischen Qualität
 

Als PDF online verfügbar hier

Freitag, 12. April 2013

kunstlich gratuliert - zum 25. Geburtstag - lettre international

kunstlich.com gratuliert der großen europäischen Kulturzeitschrift zum 25. Geburtstag und gleichzeitig zur 100. Ausgabe!


In diesem Jahr wird die vierteljährich erscheinende lettre international 25. Das heisst 100 Ausgaben mit Beiträgen von Künstlern, Schriftstellern, Wissenschaftlern, Photographen, Diplomaten und anderen, die etwas zu sagen haben, in Bild und Text. 

In dieser Ausgabe melden sich Künstler wie Laurence Wiener, Tobias Rehberger und Daniel Richter in Bild und Autoren wie Héctor Abad, Liao Yiwu und viele andere zu Wort, ausserdem enthält sie das letzte Interview, dass mit Stéphane Hessel geführt wurde.

Diese Ausgabe mit 188 Seiten und 71 Beiträgen lohnt sich besonders.

Donnerstag, 17. Januar 2013

BUCHTIPP Don Thompson: The $12 Million Stuffed Shark. (...)

Don Thompson: The $12 Million Stuffed Shark. The Curious Economics of Contemporary Art, London 2008, 268p.


Foto © Iven Paschmanns

Natürlich ist der Zusammenhang zwischen Kunst und deren Vermarktung seit den großen Coups der Damien Hirsts, Charles Saatchis und Larry Gagosians der Branche ein großes Thema. Jeder krittelt an der Vermischung der eigentlich getrennt gehörenden Rollen von Künstler, Sammler und Händler, aber alle wollen auch wissen, wie die großen der Szene es schaffen ein Produkt zu kreieren, Angebot, Nachfrage und den Preis scheinbar ohne Einwirkung von Aussen zu steuern.

Thompson erklärt Zusammenhänge, nennt Zahlen und veranschaulicht an Beispielen wie sich Werte entwickeln und wer aus welchem Grund zu dieser Wertentwicklung beigetragen hat. 
Dieses Buch klärt ein paar Fragen, die selbst Kenner überraschen können und wer nicht überrascht wird, wird auf jeden Fall gut unterhalten, denn Thompson spart nicht an Anekdoten und Geschichtchen aus der Kunstwelt.

FAZIT: Ein lehrreiches und gleichzeitig unterhaltsames Buch, nicht nur für Kunstinteressierte


Service:
Man kann das Buch im Buchhandel in der englischen Orginalversion als Print- oder Kindleversion bestellen, von einer deutschen Ausgabe ist uns bis dato nichts bekannt


Montag, 8. Oktober 2012

Herrlich: Patente Zeitreisen


Kein Jules Verne, Patentzeichnung für einen Taucheranzug von 1810 
© U.S. National Archives

Kevin Prince arbeitet nicht - wie einst Albert Einstein - beim Patentamt, sondern ist mit den harten Gefechten um die Anerkennung von geistigen Leistungen beschäftigt: Er ist Patentanwalt und seit kurzem Herausgeber und Autor eines wunderbaren Bildbandes: ''The Art of the Patent''.

Bei seinen Recherchen hat sich der gelernte Ingenieur immer intensiver - fernab von seinen eigentlichem Job - mit den kunstvollen Zeichnungen von vermeintlich und tatsächlich bahnbrechenden Erfindungen beschäftigt: ''Patentzeichnungen durchzusehen gleicht einer Reise mit Zeitmaschine'' erklärt Prince.
 
Von Zahnbürsten mit integriertem Pastenspender und schwimmenden Klokugeln ...

Und so hat sich der Ingenieur hat sich im Laufe der Zeit seines Studiums historischer Patente in deren Erscheinung verliebt. Daher beklagt er einen Verlust von Qualität und Schönheit, einen in den Archiven der Patentämter detailliert nachvollziehbaren Niedergang der einst kunstvollen, illustrierenden Zeichnungen. 


Kein Scherz, kein Freud: Patentzeichnung für Luftfächerautomat von 1830 
© U.S. National Archives

Bis hin zu Glaswarenmaschinen, Flugapparaten und Fächer-Automaten. 

Computergestütze - bzw. generierte Zeichnungen haben die kunst- wie phantasievollen, häufig colorierten Handskizzen verdrängt, ein Prozess der sich in allen Bereichen - so etwa auch im Schreinerhandwerk - im späten 20. Jahrhundert durchsetzte.



Kein Missverständnis: no joke, no punk
© U.S. National Archives

Service:
- Der Spiegel über Kevin Prince (Vorschau, bald komplett online)
- Der Gegensatz: Beispiele zeitgenössischer Patentzeichungen und ein Artikel über die Patentkrieg der Gegenwart
- kickstarter: Kevin Prince wirbt für sein Buch 

- Das Buch kaufen: hier

Dienstag, 18. September 2012

Sonntag, 10. Juni 2012

Preis gewonnen: THE WORKER PHOTOGRAPHY MOVEMENT (1926-1939)


Die Publikation zur Ausstellung "El Movimiento de la Fotografia obrera (1926-1939)" im Museo Nacional Centro del Arte Reina Sofia in Madrid, kuratiert von Jorge Ribalta hat den Infinity Award des ICP gewonnen. Vollkommen verdient, es handelt sich um eine ausserordentlich Publikation mit erhellenden Essays und hervorragenden Abbildungen, bis in kleinste Detail recherchiert und dazu noch optisch und didaktisch perfekt präsentiert. Großes Kompliment Jorge!

links:


Sonntag, 4. März 2012

Flaschenpost aus der Hölle


Eines Tages steckte Häftling "MM" 32 Zeichnungen in eine Flasche und vergrub sie in den Fundamenten einer Baracke in der Nähe der Gaskammern und Krematorien des Lagers in Auschitz Birkenau.

© Staatliches Museum Auschwitz Birkenau

S.O.S.


Im Jahr 1947 fand Józef Odi die Zeitkapsel. Ex-Häftling Odi arbeitete auf dem Gelände des ehemaligen Vernichtungslager als Wachmann. Er lebte dort bis zu seinem Tod und baute die Gedenkstätte mit auf.


message in a bottle

Vor wenigen Monaten veröffentlichte die Gedenkstätte die Zeichnungen in einer Publikation: Agnieszka Sieradzka: Der Zeichner aus Auschwitz, 115 Seiten, 2011, Verlag Staatliches Museum Auschwitz Birkenau

Das Buch ist nur direkt beim Verlag zu erhalten.

Links:
Mehr Zeichungen von MM
Der Spiegel 3/2012
Pressemitteilung Staatliches Museum Auschwitz Birkenau
Wikipedia

Alex Macbeth: Witness to Extermination — Auschwitz Museum Publishes Prisoner Sketchbook, 17. Jan. 2012

Montag, 16. August 2010

Endlich! Hilfe beim Kampf mit moderner Kunst

Ähnliches denken nicht wenige Laien (und Kenner) beim Besuch von Ausstellungen mit zeitgenössischer und moderner Kunst...
© Dumont-Verlag und Stephan Rürup (Illustration)


Warum ist moderne Kunst so schwer zu verstehen? Wer bestimmt eigentlich, was Kunst ist? Warum hört sich das Gerede über Kunst immer so geschwollen an? Was passiert hinter den Hochglanzkulissen des Kunstbetriebs? Diesen und ähnlichen Fragen geht das kurzweilige Buch nach.

Das nicht nur durch den Kunsthype lange auf der Spiegel-Bestsellerliste vertretene Buch bietet Laien wie Experten dank seiner schlichten wie humorvollen Sprache einen großen Unterhaltungswert: Es ist launige Glosse und komplexer Kurzführer zugleich.

Machen Sie Kunstdiät - raten die Autoren

Besonders für Kunstinteressierte ist der Band eine Art Ratgeber, der hilft schwache von sehenswerter Kunst zu unterscheiden und zugleich und den traditionell Respekt vor den heiligen Hallen der Museen und Galerien zu verlieren.

Wie überlebt man den Ausstellungs- oder Vernissagebesuch?

Neben Tipps für Penner und Alkoholiker (Ausstellungseröffnungen können als Kneipe missbraucht werden) bietet der Band ein recht guten Überblick über die aktuelle Tendenzen und Gattungen der Kunst. Besonders gelungen ist jedoch der respektlose Blick auf die sich oft selbst so klischeehaft wie banal inszenierende Kunstszene.

Sprechblasen für Kunstkenner statt der Phrasendreschmaschine

Das Sprechen über Kunst ist bereits eine Kunst an sich und dient häufig vor allem der Distanzierung gegenüber den vermeintlich Unwissenden. Und auch bietet das Buch einiges, so dass man als Kunstliebhaber oder auch frustrierter Kunsthasser den vermeintlich überlegenem Kunstpublikum das Feld nicht
kampflos überlassen muss.

Fazit: Ein für Laien wie Kunstexperten unterhaltsames, weil humor- und niveauvoll geschriebenes Buch. Und zum Schluss ein passendes Zitat von Skandal-Künstler Santiago Sierra, dessen Werk in dem von kunstlich.com empfohlenen Buch über die Falle in der Kunst unter diesem Aspekt ausführlich untersucht wurde:

'Die meisten Leute verstehen nichts von Kunst. Wichtig ist, ihnen nichts zu erklären.'

Über die Autoren:
Steen T. Kittl studierte Bildende Kunst in Kiel sowie Kulturwissenschaften und Kunstgeschichte in Berlin. Neben seiner Tätigkeit als Autor arbeitet er als Art Director und Konzeptioner in der Werbung.
Christian Saehrendt studierte zunächst Bildende Kunst in Hamburg, dann Kunstgeschichte in Heidelberg. Der promovierte Kunsthistoriker ist als Publizist in Berlin tätig.

Service:
Steen T. Kittl und Christian Saehrendt:
Das kann ich auch! - Gebrauchsanweisung für Moderne Kunst
Dumont-Verlag
15 Euro
ISBN 978-3-8321-7759-1
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Rezensionen

Mittwoch, 19. Mai 2010

Grenzgänger: (Garten-)Kunst oder was?

Ein ungewöhnlicher Schrebergarten im Norden von Köln © Gerd Mörsch

Nein, hierbei handelt es sich nicht um ein Architekturmodell des zuvor bereits vorgestellten Künstlers Stephan Mörsch. Die beiden taubengrau lackierten Hütten sind Teil eines Schrebergartens.

Die in der farbenfrohen Gartenanlage irritierende trist-graue Farbe der Architektur ist bewusst gewählt und scheint eine Hommage an deren wahre Bewohner: Jene Tauben, die auf dem Dach thronen und durch das Metallgitter einen exklusiven Zugang zur Hütte haben. Es scheint, als ob ein extrem ordnungsliebender Gärtner - man beachte die exakten Wege und die perfekten Schutzzylinder für die Pflanzen im Beet - dem alten Hobby der (Brief-)Taubenzucht nachgeht.

Vergessen und verwahrlost

Es handelt sich dabei um jene uralte Art der Kommunikation über weite Entfernungen hinweg, bevor Telefon und Post - die Männer und Frauen in gelber Montur, die früher Briefe statt Werbung pünktlich an alle Haushalte lieferten - die Tauben arbeitlos machte. Auch daher streunen die Tauben heute in vielen Städten sinn- und ziellos umher, sind zur 'Flugratten' genannten Plage geworden. Welch trauriges Schicksal trotz ihrer jahrhundertelangen, treuen Dienste für den Menschen.


© Galerie von der Milwe und Marco Lietz, Köln

Bei der Frage wohin die oben gezeigten, privaten Posttauben fliegen und welche Botschaften sie wohl transportieren kann man - trotz der erschreckenden Perfektion der Anlage - ins Schwärmen geraten. Und wer sich nun fragt, was das mit Kunst zu tun hat, dem sei der hier abgebildete, kleine aber feine Katalog der Aachener Galerie von der Milwe empfohlen:

Roland - temporäre Kleingärten


Der Katalog dokumentiert die temporären Interventionen von Künstlern (siehe unten), die in der Aachener Schrebergartenanlage Roland kurz vor deren Zerstörung im März 2009 realisiert wurden. Eine vielseitige künstlerische Hommage an die unzähligen, oft belächelten Lebenskünstler, deren grüne Idyllen einen wichtigen Beitrag zur urbanen Lebenskultur bilden. Danke!

© Galerie von der Milwe und Marco Lietz, Köln

Service:
Roland - temporäre Kleingärten
Autor: Manfred Schneckenburger
Hrsg.: Galerie von der Milwe, Aachen
ISBN 978-3-939130-97-0

Gerd Mörsch

Donnerstag, 6. Mai 2010

Trink, Brüderlein trink! Alkohol als Kulturgeschichte

Lecker Mädchen haben schon immer für die Alkoholwerbung herhalten müssen.
© Thomas Kläber, Cottbus (Reproduktion)

Kunstgeschichte ist immer auch Kulturgeschichte. In diesem Sinne wird hier ein spannendes Buch empfohlen, dessen ausführliches Bildmaterial eine wahre Freude ist. Manfred und Regina Hübner haben mit der Neuauflage (Der Deutsche Durst hieß die erste Ausgabe) ihrer Untersuchung über den Alkoholkonsum in Deutschland ein spannendes Stück Sozial- und Kulturgeschichte geschrieben.

Die Autoren erklären mit vergnüglicher Lust am Fabulieren, was den deutschen Alkoholkonsum von dem der anderen Völker unterscheidet und beleuchten die überlieferte Nähe der Deutschen zum Alkohol.

Klare Worte und kein Spaß: Plakataufruf abstinenter Sozialdemokraten an das schnapstrinkende Proletariat aus dem Jahr 1909. Der Widerspruch zwischen dem die Arbeitsleistung temporär steigernden und daher von manchen Industriellen durchaus geförderten Schnapskonsum der Arbeiter und seinen negativen sozialen wie gesundheitlichen Folgen führte zu erbitterten Debatten.
© Thomas Kläber, Cottbus (Reproduktion)

Hier folgt nun eine pointierte Zusammenfassung wesentlicher Inhalte bereichert mit aussagekräftigem Bildmaterial aus dem Buch.

Vom ideologisch motivierten Vorurteil zum beliebten Klischee und verzweifelt gesuchten Nationalcharakter

Schon vor 2000 Jahren scherzte Tacitus, man könne die Germanen leichter mit Wein als mit Waffen besiegen. Das tat er allerdings nicht ohne politisch motivierten Hintergrund, denn das Bild der dumpfen, nur mühsam zivilisierbaren Trunkenbolde passte nur zu Gut in Roms Ideologie und Selbstverständnis.

Hans Sebald Beham schuf 1546/1547 vier Kupferstiche zum Thema Alkohol. Die beiden hier eingefügten zeigen die typischen, negativ konnotierten Klischees alkoholbedingter Ausgelassenheit: Wollust und Gewalt.
© Manfred und Regina Hübner (Reproduktion)

Literarische Wurzeln des Klischees vom trinkfesten Germanen

Jahrunderte später dann, als man im Mittelalter den ‚Germania’ genannten Bericht von Tacitus über die Teutonen wiederentdeckte, glaubten die Historiker, dass sie damit endlich eine objektive Quelle für das vermeintliche Wesen der Deutschen gefunden hätten. Auf diesem Wege wurde der sprichwörtliche Deutsche Durst zu einem Bestandteil des im Entstehen begriffenen Nationalcharakters der Teutonen.

Mit der Germania von Tacitus schien man endlich eine plausible Erklärung für den ’Deutschen Durst’ gefunden zu haben. Denn nicht erst Kaiser Maximilian I. kämpfte gegen dieses Phänomen. Scherze über die wegen ihrer Körperkräfte gefürchteten, aufgrund ihres Alkoholkonsums meist aber einsatzunfähigen deutschen Söldner waren die Regel
. Während seines ersten Reichtags 1495 in Worms verbot Maximilian I. das exzessive Trinken. Die mangelnde Disziplin der häufig betrunkenen Soldaten wurde zunehmend zu einem ernsthaften Problem für die Regenten.

'Will man den Gehorsam gegen Gesetz und Obrigkeit fördern, so verbanne man den Branntwein' fordert eine Enthaltsamkeitsverein aus Osnabrück im Jahre 1847. Die Karrikatur aus dem Jahre 1837 lässt keine Zweifel am Urheber der sogenannten Branntweinseuche: Der Teufel höchstpersönlich hat seine Finger im Spiel. Schon im Narrenschiff von Sebastian Brant waren die Säufer gut vertreten. Die Bildsprache der Karrikatur steht in dieser spätmittelalterlichen Tradition.
© Thomas Kläber, Cottbus (Reproduktion)

Trink doch dem Kind die Milch nicht weg, trink doch lieber Bier...

Wie etwa ägyptische Reliefs und Bilder zeigen - die frühesten Nachweise für Bier gibt es aus dem mesopotamischen Raum - war Bier über Jahrtausende nicht nur für die Germanen ein elementares Nahrungsmittel. Wenn die Ernte neben der Brotproduktion auch ausreichend Getreide fürs Brauen geliefert hatte, tranken Kinder und Erwachsene täglich den Alkoholsaft. Dabei ging es jedoch nicht wie heute um den Geschmack oder den Alkoholrausch.

Denn das Bier bildete eine
willkommene, weil kalorienreiche Alternative zu dem in der Regel mit Keimen und anderen Krankheitserregern verschmutzen Trinkwasserquellen. Daher hatte zumindest die Oberschicht - also Klerus und Adel - meist den noch heute bekannten ’Pegel.’ Diese Klientel konnte sich die gesunde Alternative zum Wasser leisten. Vor diesem Hintergrund verwundert es kaum, dass weder in der Bibel noch in den griechischen Sagen Wasser als Getränk erwähnt wird.

'Kirche, Kapital und Krieg sind die Großmächte und Feinde des Arbeiters', schreibt 1904 das Organ des deutschen Arbeiter-Abstinenten-Bundes. Fast hundert Jahre später gelten die drei K auch in der DDR als Gefahr für den sozialistischen Staatsbürger. Doch in der untergegangenen, vermeintlich demokratischen Republik galten Kunst, Kirche und Kneipe als Gefahr. Krieg und Kapital hatten an Bedeutung verloren.
©
Manfred und Regina Hübner (Reproduktion)

Reformatorischer Eifer: Nicht nur Martin Luther wetterte gegen die deutschen Saufteufel

Seit der Neuzeit häufen sich die Belege für den Kampf gegen den ’Deutschen Durst.’ Wie
schädlich die Auswirkungen des täglichen Pegels für das gewünschte Wohl des Volkes waren, zeigt sich etwa daran, dass die deutschen Kaiser sich gezwungen sahen, den geistlichen und weltlichen Trinkern mit Berufsverbot für ihr Laster zu drohen - allerdings ohne nennenswerten Erfolg. Denn der Widerstand war enorm und wie bei schon bei Kaiser Maximilian I. blieben die meist nur verbal drastischen Maßnahmen letztlich fromme Wünsche. ’Saufen ist in unserem Land eine Pest, welche Gottes Zorn über uns geschickt hat’, klagte etwa der Reformator Martin Luther. Doch nach dem Bierrausch sollte man sich wenig später wieder sehnen, denn der viel stärkere Branntwein breitete sich schon bald wie ein Laubfeuer aus.

In München steht ein Hofbräuhaus... Massenhafter Alkoholkonsum hat eine lange Tradition in Deutschland. 'Weitere 10 Mass' wollte der Absender dieser Postkarte aus dem Jahre 1910 nach dem Versenden der Karte noch trinken. Bei genauerer Betrachtung wird deutlich, dass auch das vor wenigen Jahren in den Medien zurecht gegeißelte Flatrate-Trinken eine lange Geschichte hat.
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Thomas Kläber, Cottbus (Reproduktion)

Wandel der Zeiten: Wie der Kaffee den Deutschen den patriotischen Durst (zurück-)brachte

Im 16. und 17. Jahrhundert sorgte ein neues Getränk für Aufsehen in Europa: Kaffee. Dessen Konsum breitete sich trotz der kostspieligen Bohnen schnell aus. Doch zunächst genoss nur die Oberschicht den teuren, weil exportierten Kaffee. Und wie so oft bescherte diese Exklusivität der Substanz zusätzlich enorme Kraft: Kaffeegenuss wurde zum schicken Statussymbol der Neuzeit. Das erste deutsche Kaffeehaus stand bereits 1673 in Bremen, das erste Wiener Kaffeehaus eröffnete 1685.

Hoch die Tassen: So warb die westdeutsche Schallplattenindustrie für den geselligen Konsum in guter alter Tradition. Das Flower-Power-Design der Typografie und die Trachtenkleidung scheinen nicht als Widerspruch empfunden worden zu sein - denn es geht um Genuss und Enthemmung.
© Florett / Falcon Schallplatten

Im 18. Jahrhundert schließlich etablierten sich Kaffeehäuser und bildeten eine zunehmend beliebte Alternative zum Wirtshaus. Doch hiermit begann das (wirtschaftspolitische) Problem. Denn entgegen dem zeitgemäß nüchternden Arbeitsethos startete die Politik eine wirtschaftlich motivierte Kampagne für den Alkohol. Der Arbeiter sollte zwar nüchtern und zuverlässig sein, um
den zunehmend von Maschinen bestimmten Rhythmus einhalten zu können, doch die vom Kaffee verdorbenen Wirtschaftsbilanzen ließen der Deutschen Wirtschaftselite keine Wahl.

Auch in England sprach man von einer Ginepidemie und meinte damit die Folgen von Armut und billigem Schnaps. William Hogarth schuf 1751 dazu zwei Kupferstiche, die das vermeintliche 'Bierparadies' und die 'Schnapshölle' auf Erden zeigen. Beim Bier geht alles seinen rechten Gang, wie man oben sehen kann.
© Marion Wenzel, Leipzig (Reproduktion)

Die Anfänge des bis heute einflussreichen Alkoholobbyismus

Der zuvor verteufelte
Trunkenbold wurde nun zum Patrioten stilisiert: ’Friedrich der Große wurde noch mit Biersuppe erzogen, aber die Kinder seiner Untertanen schon mit Kaffee’ schimpfte etwa der Johann Wilhelm Petersen. Dementsprechend erhöhte Friedrich der Große in seinem Kaffee-Edikt die Steuern auf Kaffee und 1781 wurde in Preußen auch das Rösten des Kaffees für Privatleute verboten. Zur Überwachung wurden so genannte 'Kaffeeriecher', ehemalige französische Soldaten, eingestellt. Sie sollten die illegale Kaffeerösterei durch den Geruchssinn feststellen. Friedrich wollte offiziell die Volksgesundheit, in Wirklichkeit aber die Wirtschaftsbilanz seines Reiches vor dem vermeintlich schädlichen Kaffeegenuss schützen.

Eine explosive Mischung: Der Arbeiter und der Alkohol

Trotz der rückwärtsgewandten Alkoholpatriotismus-Bewegung zeigte sich im Laufe der industriellen Revolution nur allzu deutlich, dass der nüchterne Arbeiter mehr Geld für sich und seinen Chef verdienen konnte. Andererseits gaben viele Fabrikanten ihren Arbeitern kostenlos Branntwein, damit sie die harte Arbeit durchhalten konnten.

Hier zeigt William Hogarth mit seinem 1751 geschaffenen Kupferstich welche gesellschaftlichen Folgen der Schnaps- im Gegensatz zum Bierkonsum hat: Chaos, Wahnsinn, Tod und Verfall.
© Marion Wenzel, Leipzig (Reproduktion)

Der einflussreiche Dürener Eisenkönig Leopold Hoesch wetterte gegen jene Fabrikanten, die ihren Arbeitern mit fabrikeigenen Wirtshäusern das eigentlich für die Familie bestimmte Geld wieder aus den Taschen zogen. Angesichts des weit verbreiteten Alkoholismus in verarmten Schichten bildete sich eine breite Front von Alkoholgegnern: Der ’Kreuzzug gegen den Branntwein’. Ein beliebtes Ritual war die quasi religiöse Beerdigung des Schnapses, mit solchen Handlungen sollte der Schwur auf die Enthaltsamkeit gestärkt werden.

Schnaps das war sein letztes Wort, da trugen ihn die Englein fort... Alkohol als Doping am Arbeitsplatz

Der Chemiker Justus von Liebig erkannte die Gefahren des Schnapskonsums während der Arbeit und erklärte sie 1858 wie folgt: 'Der Branntwein... durch seine Wirkung auf die Nerven, gestattet dem Arbeiter, die fehlende Kraft auf Kosten seines Körpers zu ergänzen, diejenige Kraft auf Kosten seines Körpers zu ergänzen, diejenige Menge heute zu verwenden, welche naturgemäß erst den Tag darauf zur Verwendung hätte kommen dürfen... Es ist ein Wechsel, ausgestellt auf die Gesundheit, welcher immer prolongiert werden muss, weil er aus Mangel an Mitteln nicht eingelöst werden kann; der Arbeiter verzehrt das Kapital statt der Zinsen, daher dann der unvermeidliche Bankerott seines Körpers.'

Vorbeugende Aufklärung. Käthe Kollwitz gestaltete dieses Plakat für den Kampf gegen den Alkoholmissbrauch im Jahre 1922. © VG Bild-Kunst


Nach der patriotischen Biersuppenpropaganda wettert Bismarck in der Tradition Luthers gegen den Alkohol

’Es wird bei uns Deutschen mit wenig so viel Zeit totgeschlagen, wie mit Biertrinken’ schimpfte Reichskanzler Otto von Bismarck. Der Wettkampf der Industriestaaten war härter geworden und erste Rezessionen brachten in den schnell gewachsenen Arbeiterstädten Armut und Revolutionspotential an die Oberfläche. Der weit verbreitete Alkoholismus wurde als Volkskrankheit verstanden. Neben den teils abstrusen Schwüren und Gemeinschaften, deren Wurzeln in die Zeit der Branntweinseuche reichen, wurde der Alkoholmissbrauch zunehmend auch mit Hilfe von modernen Aufklärungskampagnen bekämpft.

Der Kampf um den 'richtigen' Alkoholkonsum hatte schon immer auch politische Dimensionen. Hier wurde - wie so oft in den vergangenen Jahrhunderten - unter Bezug auf Bismarck die vermeintlich typische Trinksucht der Deutschen thematisiert.
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Manfred und Regina Hübner (Reproduktion)

Im 20. Jahrhundert schließlich zeigen sich erste Erfolge der vielschichtigen Anti-Alkohol-Bewegung. ’Alkoholmissbrauch ist zurückgegangen, und zwar namentlich unter intelligenten Arbeitern’ schrieb etwa die Brandenburger Zeitung im Jahre 1908. Und so wurde aus dem im Mittelalter und in der Neuzeit verteufelten Saufgelage schließlich das beliebte ’Feierabendbier’ in der Kneipe um die Ecke.

Von hier ist es bis zur gegenwärtigen Alkoholkultur nicht mehr weit und zuviel soll an dieser Stelle ja nicht verraten werden...

Service:
Manfred Hübner, Regina Hübner:
Trink, Brüderlein, trink -
Illustrierte Kultur- und Sozialgeschichte deutscher Trinkgewohnheiten.
Edition Leipzig
Leipzig 2004
ISBN 3-361-00575-2