Freitag, 12. März 2010

Endlich: Die Anpackprämie für Kunst und Kultur



















Auch die Kunst kommt nicht ohne aus: Subventionen werden neuerdings Prämien genannt.

Tja und da fragt man sich, warum nach der Abwrack-Prämie für die vorhersehbar schwächelnde Autoindustrie nicht auch z.B. mal eine Anpack-Prämie für die Kulturindustrie eingeführt wird. Denn die selbsternannte Kulturnation befindet sich in einer schizophrenen Situation:

Während etwa die Zahl der Museumsbesucher seit Jahren steigt und man derzeit die Kultur im Pott - mit einem lobenswert erweiterten Kunstbegriff - feiert und zurecht stolz auf einen der 'schönsten Museumsneubauten' der letzten Jahre ist, kürzen die Kommunen bundesweit ihre sogenannten freiwilligen Leistungen. Also Kunst und Kultur wie Theater oder Museen.
..

Wer aber in den Arbeitsfeldern der sogenannten freiwilligen Leistungen tätig ist oder war, weiß nur zu gut, dass es dort kein Einsparpotential mehr gibt. Wenn überhaupt, dann können nur noch die Schwerpunkte innerhalb der kommunalen Kulturetats andere Gewichtungen erhalten.

Max Hollein posiert vor Goethe in Gummistiefeln, spricht
über bürgerliches Engagement als Weg aus der Krise und meint, auf jeden Einzelnen komme es an...
(Kunstzeitung4/2010).

Der Krimi um das Theater in Wuppertal oder die satirereife Debatte über die Oberhausener Kurzfilmtage sind nur der Auftakt einer Krise, die zeigen wird, was uns die in Sonntagsreden - wie die Bildung - gefeierte Kultur wirklich wert ist.

Am Horizont der Stimmungswandel?

Ja und wenn schon Der Spiegel (Kultur im Schacht, 9/2010, S. 128f.) - der ja nicht gerade für seinen umfangreichen Kulturteil bekannt ist - in diesem Sinne über die prekäre Situation berichtet, dann muss da wohl was dran sein. Denn noch 2009 klang sein Urteil viel euphorischer... (Spiegel Online 9.12.2009)

Schade nur, dass die anderen Medien nicht wie üblich diesem Aufhänger folgen (wollen?). Und dass, obwohl doch die NRW-Wahl - was für ein geniales Timing angesichts der ruhr2010 - für eine kulturpolitische Debatte geradezu prädestiniert wäre.

Es ist Zeit zu handeln und wie zuletzt in Köln bei der Diskussion über das denkmalgeschützte und dennoch abrissbedrohte Schauspielhaus darf man auf Protest und politisches wie medienwirksames Engagement hoffen. In einer bisher einzigartigen Solidaritätsaktion traf man sich in Wuppertal
anlässlich des Welttheatertages am 28. März, um auf die Erosion der Kulturpolitik aufmerksam zu machen. Siehe dazu auch Deutschlandradio Kultur.

Unbewusster Rollentausch?

Ungewollt spielte auch der sonst so sonorige Presseclub auf dieses Thema an: Die geladenen Journalisten diskutierten am 21. März (siehe dazu WDR5) wie gewohnt über das Chaos der derzeitigen Koalition. Doch einer von ihnen forderte indirekt öffentliche Proteste und wunderte sich über die unseelige Gelassenheit der Deutschen angesichts der nicht nur kulturpolitischen Misere. Eine Position, die in der Regel eher von enthemmten Anrufern in der Nachgefragt-Runde vertreten wird.

Also auch hier wieder ein Beispiel für die oben genannte 'schizophrene Situation'?

Endlich: In Fazit - eine empfehlenswerte Kultursendung abends ab 23:05 Uhr auf Deutschlandradio Kultur - beurteilte Stefan Keim am 3. April in seiner Zwischenbilanz der ruhr2010 die Situation ähnlich realistisch, oder besser so trüb wie hier bereits angedeutet. Die Stimmungslage der Medien bzw. deren Beurteilung der Situation scheint sich allmählich zu ändern. Oder sollten wir nicht besser schreiben: Sie passt sich der Realität an?

Von der Finanz- zur Fiskalkrise zur agressiven Apathie?

Das leider ausbleibende, vom Presseclub indirekt geforderte Rumoren angesichts der gesellschaftlichen Situation beschreibt der Soziologe Wilhelm Heitmeyer als gefährliche 'wutgetränkte Apathie'.

Der Forscher warnt in einem Interview (Der Siegel 14/2010, S. 70f.) ausdrücklich vor den Auswirkungen der systemischen Brutalität, die sich nun mit der allmählich spürbaren 'Fiskalkrise' zeigt und alle Bürger betrifft.


In diesem Sinne
kann - wenn auch mit einigen theatralischen Ausreißern und Klischees behaftet - der Polizeiruf Die Lücke, die der Teufel lässt vom Bayrischen Rundfunk (Erstausstrahlung ARD 14.4.) lobend erwähnt werden. Am Puls der Zeit orientiert sensibilisiert das Krimiformat. Die öffentlich-rechtliche Antwort auf den als Hollywoods ersten 'Krisenfilm' Up in the Air?

In deutschen Museen sind promovierte Volontäre
die Regel, nicht die Ausnahme...

Interessant und ist auch (der für Nicht-Kunsthistoriker besonders empfehlenswerte) Artikel von Barbara Scheuermann in der letzten Kunstzeitung (3/2010). Sie schildert die Realität von Menschen, die ihr Einkommen im Kunstbetrieb verdienen.

Wohl in dasselbe Horn dürfte auch wiederum
Karlheinz Schmid in der aktuellen Ausgabe Kunstzeitung (4/2010) in seinem Artikel 'Bald wird's richtig ernst - Zur bedrohlichen Lage an öffentlichen Museen' blasen.

'Bald wird's richtig ernst!' schreit jemand und wird nicht gehört

Wer sagt's denn! Haben wir nicht schon Beginn des Artikels, also vor einem Monat geklagt und ein Aufwachen - die titel-, wenn nicht sogar schlagzeilenwürdige Anpackprämie für die Kultur - gefordert? Aber wer hört schon auf die hier Zitierten?

Zyniker munkeln, der nächste Presseclub werde sich wohl eher über das Gefahrenpotential von gefährlichen Tiere wie etwa giftige Schlagen in Privatwohnungen debattieren (das tat,
Bild sei Dank, Deutschlandradio Kultur am 9. April in der Sendung 2254 ) als über die Krise der Kultursubventionierung in Deutschland.

Et hätt noch immer jut.... Kölsche Zensur- statt Kulturpolitik

In Köln - wo sonst - blamierte man sich zuletzt durch peinliche wie kleinliche Zensur. Kulturdezernent Quander griff beim Katalog für die derzeit in Berlin zu sehende Ausstellung 'Köln in Berlin. Nach dem Einsturz: Das Historische Archiv' durch. Weil ihm einige kritische Texte nicht passten, verweigerte er den Druckkostenzuschuss für das von Walther König 'ehrenamtlich' verlegte Buch.

König dagegen verweigerte sich jedoch konsequent jedem inhaltlichen Eingriff. Der Katalog konnte nicht rechtzeitig erscheinen. Die Posse geht weiter und von der Rasenmäher-Methode, die auch den kölschen Kulturhaushalt droht, ist keine Rede mehr. Stattdessen rühmen sich die Kölner nun neben dem Dom auch noch das größte Puzzle der Welt zu haben, gemeint sind die Reste der verschütteten Stadtgeschichte...

Also in diesem Sinne. Weiteres in Kürze...

Junge Positionen - Schnell nach Bonn, Köln und Düsseldorf

Abbildung: Dorthe Goeden, O.T., Papierschnitt 2008

Im Rheinischen Kunstkosmos sind zur Zeit drei große Überblicksausstellungen zu sehen, die einen guten Überblick auf aktuelle Positionen bieten: Die Große Kunstausstellung NRW sowie die Klassen von Walther Dahn (Akademie Braunschweig) und Leiko Ikemura (UdK Berlin). Dem Kunstflaneur bieten sie einen spannenden Einblick in die Produktion von Studierenden, frischen Absolventen und bereits mehr oder weniger etablierten Kunstschaffenden.

Im Sinne der Übersichtlichkeit und der gebotenen Eile - Düsseldorf schließt schon bald - zuerst einmal die Daten:

Düsseldorf: Große Kunstausstellung NRW - bis zum 14. März im museum kunst palast.

Bonn: La bonne horse - Klasse Walther Dahn - bis zum 28. März im Bonner Kunstverein.

Köln: This is red - Klasse Leiko Ikemura - noch bis zum 28. März in der Halle Zehn - CAP Cologne e.V., Clouth-Gelände
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Düsseldorf:
Große Kunstausstellung NRW - museum kunst palast.

Also erstmal mal schnell nach Düsseldorf, denn die dortige, wahrhaft große Ausstellung (157 Künstler und rund 300 Werke) zeigt unzählige Werke von Größen wie dem Kölner Fotografen Boris Becker (eine wunderbare Aufname von 11 monströsen LKW, die wie Spielzeug ordentlich gereiht an der Kippe einer Grube parken) aber auch filigranes wie die drei Papierschnitte von recht unbekannten Künstlern wie etwa Dorthe Goeden (weitere Arbeiten von ihr sind ebenfalls bis zum 14. März auch in der Mainzer Rheingoldhalle zu sehen). Aprospos: Die Papierschnitt-Technik ist auffällig gut in der Düsseldorfer Ausstellung vertreten.

Foto: KugelSchückensZöllner live am 11. März

Außerdem sehr schön: Hier gibt es endlich auch Mal einen Preis, den Künstler vergeben: Den Kunstpreis der Künstler - schöner Titel - und damit einen hervorgehobenen Ausstellungsraum erhielt der Düsseldorfer Maler Hermann Josef Kuhna. (Seine pointillistisch anmutenden Werke verleiten dazu endlich nach Frankfurt in die Schirn zu fahren und die große Werkschau Georges Seurat zu sehen.)

Den Förderpreis der Großen Kunstausstellung erhält die Aquarellistin und Bildhauerin Flora Hitzing. Sie studierte in Düsseldorf bei Prof. Tony
Cragg, der sie 2009 zur Meisterschülerin ernannte. Doch fernab von der Qualität der Arbeiten fühlt sich zweimal Düsseldorf bei den Auszeichnungen irgendwie dann doch nicht so groß an...

Foto: KugelSchückensZöllner live am 11. März

Auch sehr schön war/ist das umfangreiche Begleitprogramm, wie etwa das Klangexperimentkonzert von KugelSchückensZöllner mit Klaus Kugel (Drums), Reinald Schückens (Bassklarinette), Stefan Zöllner alias fatagaga (Live-Elektronik).
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Bonn:
La bonne horse - Klasse Walther Dahn - noch bis zum 28. März im Bonner Kunstverein.

Hier ein paar visuelle Eindrücke vom Bonner Rundgang: Einen interessanten, sympathisch vertrauten Einblick kann der Besucher in einem kleinen Séparée gewinnen.

Ungewöhnlich ist besonders die kleine Auswahl an Arbeiten aus der Hand des Klassenlehrers Dahn.


Seine Schüler dagegen positionieren verschiedene Objekte - Fotos, Schallplatten, Bücher, Filme, Glücksbringer etc. anonym im Raum.


Wie in einem Ratespiel kann man versuchen, Beziehungen zu den ausgestellten Werken herzustellen.

Doch fernab von diesem spekulativen Assoziationsspiel gewinnt man durch die verschiedenen, teils sehr privat anmutenden Gegenstände einen feinsinnigen Überblick auf die ausstellende Generation.

Welche Schallplatten und Gegenstände aus der Kindheit sind den Künstlern wichtig? Welche Zeitschriften, Autoren und Filme? Das Kabinett vermittelt ein Gefühl, erlaubt ein Gespür für die prägenden Einflüsse zu entwickeln.

Der seit dem Umbau und der Erweiterung quasi museale Bonner Kunstverein bietet ausreichend Platz.

Neben Objekten, Malerei, Zeichnung und Video schmückt auch eine große temporäre Wandarbeit die Ausstellungshalle.
Bei der Mehrzahl der präsentierten Werke handelt es sich um Malerei und Zeichnung.

Doch so verschieden die gewählten Medien und Themen auch sind, eine besonders deutlich in dem kollektiven Environment (das Séparée) spürbare, seltene Vertrautheit und Stimmigkeit verbindet die Arbeiten und zeichnet die Bonner Ausstellung aus.

Das charmante Spiel mit bewusst inszenierter Flohmarktatmosphäre war in Delmenhorst, wo die Ausstellung zuvor gezeigt wurde, leider nicht zu sehen.

Zu sehen sind Werke von:


DRAGUTIN BANIC, CARINA BRANDES, PHILIPP CLASEN, EVELINE CZAIKA, WALTER DAHN, SOPHIA DOMAGALA, NSCHOTSCHI HASLINGER, TOULU HASSANI, FRÄNZE HOPPE, CHRISTOF JOHN, PAUL SIMON KRÜGER, CHRISTOF MASCHER, ULRICH PESTER, LEA ROCHUS, RALPH SCHUSTER, MALTE STRUCK, SARRA TURAN UND ANNA VIRNICH


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Köln: This is red - Klasse Leiko Ikemura -
noch bis zum 28. März in der Halle Zehn - CAP Cologne e.V., Clouth-Gelände

Hier zunächst ein paar visuelle Eindrücke vom Kölner Rundgang.

Abbildung eins: Ausschnitt aus Anita Regli: At Dawn (2), C-Print, 2007.

Als Professorin Leiko Ikemura während der Vernissage einleitend anhand einer Anekdote aus dem japanischen Kino über den Sinn des Ausstellungstitels begründete, warum sich so wenig Rot in der Halle Zehn e.V. findet, schien sie vor sympathischer Aufgerung einige der Arbeiten ihrer Schüler aus den Augen verloren zu haben.

Abbildung zwei: Überblick auf drei dadaistisch anmutende Kleinplastiken von Sako Kojima - wurde gefressen....wird in Kürze wieder eingestellt.

Abbildung drei: Innenansicht - Verkehrte Welt: Gleich zu Beginn der Ausstellung wird der Betrachter in einen an Schwitters Merzbau erinnernden, fantastischen Raum von Linda Franke gelockt. Doch die Neugier wird enttäuscht. Im monoton grauen Innernraum wartet nur ein Auge: Es scheint die Eindringlinge zu überwachen.

Für verführerische 8 Euro gibt es einen Katalog zur Ausstellung. Doch auch wenn die Ausstellung in den Clouth-Werken nicht mit der musealen Präsentation des Bonner Kunstvereins mithalten kann, was den Betrachter unbewusst nicht unwesentlich beinflussen dürfte, muss sich die Klasse von Leiko Ikemura nicht vor einem Vergleich scheuen.

Dienstag, 9. Februar 2010

finde ich ... verbesserungswürdig!

Die Museums Insel Hombroich:

Ein interessantes Konzept das Museum als eine Insel zu erfahren, ein geschlossnes System, das zwar Einflüssen und Inspirationen von aussen offen ist, jedoch nicht in nur einem Gebäude verortet ist, sondern mehrere Gebäude, Landschaft, Bewohner und Besucher verbindet.


Für diejenigen, die die Museums Insel nicht kennen: Es handelt sich um eine Parkähnliche Landschaft mit Flussläufen, Brücken und Pavillons in der die Kunst in verschiedenen Formen und Ausführungen den Besucher überrascht. Es gehört zum Konzept, dass es kein Beschilderungssystem gibt. Selbst an den Werken in den Pavillons ist nicht zu erkennen, wem dieses Kunstwerk zuzuschreiben ist. Im gesamten ist dies ein besonderes Konzept, da der Besucher vollkommen unbedarft und unbeeinflusst an die Kunst herangeführt werden kann. Es ergibt sich automatisch ein anderes herangehen, eine andere Wahrnehmung. Man sucht nicht nach bekannten Namen, sondern betrachtet ausschließlich die Inhalte und sieht diese automatisch im Kontext zu den anderen Werken, der Landschaft und der gesamten Inselidee. Dazu muss jedoch gesagt werden, dass oft ein gewisses Maß an Zusatzinformationen wünschenswert wäre. Interessiert man sich nämlich für ein Werk im speziellen, fehlt die entsprechende Information - zumindest in unmittelbarer Nähe des Kunstwerkes.


Des Weiteren muss aus konservatorischer Sicht die Präsentation stark kritisiert werden. Empfindliche Gemälde sind beispielsweise in den Pavillons nahezu der Aussentemperatur und -feuchtigkeit ausgesetzt: Ein Desaster im Hinblick auf einen der wichtigsten Punkte, dem ein Museum verpflichtet ist, der Erhaltung.

Ausserdem ist auch die Sicherheit fraglich. Wachpersonal und Kameras wurden nicht gesehen. Vielleicht gibt es ein ausgeklügeltes Sicherheitssystem, dass nicht sichtbar ist. Nach dem Zustand der Gebäude zu urteilen, ist dies aber eher unwahrscheinlich. Die Gebäude wirken nach 25 Jahren etwas angegriffen und könnten zumindest eine kosmetische Renovierung gebrauchen.

Im Ganzen verstärkt der gewollte Minimalismus, wie fehlende Beschilderung und Hinweise, im Kontext der Renovierungsbedürftigkeit und der fehlenden konservatorischen Kontrolle, den Eindruck, dass das Konzept den Machern entgleitet. Vermutlich fehlen einfach die finanziellen Mittel, wie in den meisten Museen. Somit kann momentan nur jeder Besucher helfen die Insel zu erhalten, denn es ist ein gutes Konzept.

Also: Bitte Hingehen!


Service/Links


http://www.inselhombroich.de


Öffnungszeiten

täglich, auch montags

1. April bis 30. September 10.00-19.00 Uhr

1. bis 31. Oktober 10.00-18.00 Uhr

1. November bis 31. März 10.00-17.00 Uhr


Geschlossen am 24., 25. und 31. Dezember und am 1. Januar

kunstlich.com

Mittwoch, 3. Februar 2010

FULLY BOOKED - Kunstinterventionen in Bonnanza

Achim Zeman: verquer (2009), Eingang/Rezeption,
Foto: Rühmann/Beemsterboer

Im Bonner Beethovenhotel direkt am Rhein ist noch bis Ende Februar ein spannendes Kunstexperiment zu sehen.

In das kurz vor dem Abriss stehende Hotel - eine legendäre, filmreife Adresse
aus den Zeiten von BONNANZA - ziehen die letzten Gäste ein.

Für die Ausstellung FULLY BOOKED sind alle 59 Zimmer des ehemaligen Hotels und die Pächterwohnung in der vierten Etage ausgebucht.
Doch statt klammen Handelsreisenden sind Künstler in das vernachlässigte Gebäude eingezogen.

Gezeigt werden Positionen aller Sparten, die sich - in der Regel - sinnigerweise mit dem Thema „Raum“ beschäftigen. Das Spektrum der Arbeiten reicht von Wandmalerei, Fotografie, Licht- und Videokunst bis hin zu raumfüllenden Objektinstallationen.

Nicht alle Arbeiten überzeugen, doch ist die Idee und nicht zuletzt die wunderbare Architektur der alten Bonner Republik eine Reise wert - nicht nur für Liebhaber zeitgenössischer Kunst.

Seit August 2009 schon finden bis zum Abriss in der kultigen ehemaligen Hotelbar und der Küche des Hotels diverse Veranstaltungen statt - ein temporäres Kulturwunder.

Ausstellungsdauer:
bis 28.2.2010

Öffnungszeiten:
Mo - Mi - Do - Fr 15 bis 19 Uhr
Sa - So 14 bis 19 Uhr

Service/Links:

Homepage FULLY BOOKED

Bonner Generalanzeiger

Bonner Presseblog

Rezension auf Hug me, Heimlich

Montag, 1. Februar 2010

Ausstellungstipp: Neugierig? - Kunst des 21. Jahrhunderts aus privaten Sammlungen in Bonn

General Idea: Nazi Milk, 1979/1990, Foto: Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann

Haben private Sammler einen anderen Blick auf die zeitgenössische aktuelle Kunst als professionelle Ausstellungsmacher?

Können sich die klammen Museen eigentlich noch zeitgenössische Kunst leisten oder umgekehrt - haben sie gerade jetzt nach der Krise ungeahnte Möglichkeiten?


Die Bonner Ausstellung zeigt in einer bisher noch nie gezeigten Fülle die Vielfalt der jüngsten Kunstproduktion - und das alles (nur) anhand von Werken aus Privatsammlungen: Metapher für die knappen öffentichen Ankausétats oder Clou? 145 Werke von 57 Künstlern, die meist in den 1960er und 1970er Jahren geboren wurden, kommen aus 15 privaten Sammlungen aus Deutschland, Frankreich und der Schweiz. Nur die zweifelsfrei interessanten Werke von Hannah Hoech und Vito Acconci (Dokumentationen seiner düsteren Performance Claim aus dem Jahr 1971) fielen etwas aus dem Rahmen und störten das Konzept Kunst des 21. Jahrunderts ein wenig. Warum eigentlich?

Tino Seghal - der gerade in New York geehrt wird - lässt in Bonn knackige Jungs und Mädels für den Besucher strippen

Ein spannendes Experiment war Tino Seghals Aktion 'selling out' (2002): Eine attraktive junge Dame und ein fescher junger Herr, die listigerweise als Museumspersonal verkleidet - immer dann wenn keine Kinder in der Nähe sind - mal eben einen Striptease für die Besucher hinlegen. Die Performance erschien zumindest während der Preview auch wie eine Metapher für das oft beklagte Abhängigkeitsverhältnis zwischen Museum und Sammler.

Auf Nachfrage bekundeten die Darsteller, dass es sich um eine
Choreografie Seghals handelt, doch die Wahl der Unterwäsche blieb ihnen überlassen. Diese im 21. Jahrhundert eigentlich nicht mehr besonders spektakuläre Aktion irritierte einige der Ausstellungsbesucher in Bonn derart, dass sie sich genötigt sahen, ihre Gedanken dem Gästebuch oder dem verständnisvollen, 'echten' Aufsichtspersonal mitzuteilen. Es soll auch Versuche gegeben haben, Hilfe für die vermeintlich geistig verwirrten Museumswärter zu holen. Doch zurück zum Konzept der Ausstellung, die sich als Beginn einer Ausstellungssreihe versteht.

Sammler und Museum: Beziehungsgeschichten fernab vom Finanziellen?

Zyniker zweiflen, ob Ausstellungen wie diese nicht nur eine gigantische Wertsteigerungmaßnahme für Privatsammlungen sind, weil die gezeigten Werke museal geadelt später mehr wert ist - also das berühmte Privat-Parken von Kunst? Aber nein, Klischees helfen hier auch nicht mehr weiter. Denn das Ziel der Ausstellung ist durchaus auch der Dialog zwischen Institution und Sammler, fernab von Beschwerden über listige Leihgaben - postmoderne Danaergeschenke - und Schäden an ausgeliehenen Werken.

Denn was wäre, wenn die Sammler ihre Tempel - ob in Berlin, Hamburg oder Düsseldorf - nicht bauen, sondern ihre Kunst einfach verscherbeln oder gar an potente 'ausländische' Museen und Investoren verkaufen? Es gibt eben viele Graustufen zwischen vermeintlich humanistisch motivierten Mäzenatentum und extrovertiert-egozentrischer Sammelleidenschaft.

Aber warum der Titel "Neugierig"?

Die Bonner Antwort erscheint recht beliebig: "Die Ausstellung bietet einen konzentrierten Einblick in zentrale Fragestellungen der zeitgenössischen Kunst und gibt einen Ausblick auf die bildende Kunst der kommenden Jahre. Sie dient als Reflexionsfläche, als ein Ort des Nachdenkens, und für dieses Angebot ist Neugier – auch auf Seiten des Betrachters – eine der besten Voraussetzungen." Diese Formulierung ("auch auf Seiten des Betrachters") scheint fragwürdig und dürfte so manchen Beuys-Schüler auf die Palme bringen. Darf denn der Mann und die Frau von der Straße noch ins Museum, möchte man fragen.

Eine konfliktreiche wie fruchtbare Beziehung - Kunst zwischen Sammler und Museum

Die neue Ausstellungsreihe in Bonn stellt interessante wie heikle Fragen nach dem Verhältnis und dem Potential der Beziehung zwischen Privatsammler und Museum. Ein ungleiches Paar, eine Hassliebe? Es sind Fragen nach den Trägern und dem Wesen historischer Kontinuität bzw. Traditionen. Wer bestimmt heute, was ins Museum einzieht und der Tradition gemäß als 'Hochkultur' gelten darf?

Belebt die Konkurrenz mit den privaten Museen letztlich vielleicht sogar das (Kunst-)Geschäft, ganz zum Vorteil des überall beliebten Konsumenten, weil die verstaubten Museen von den schneidigen Sammlern sich ja was abgucken können? Dass Konkurrenz das Geschäft belebt, kann sicher nicht bestritten werden. Aber wie steht es um die Fairnis zwischen öffentlichen und privaten Institutionen im Kunstgeschäft?

'Kunst will gesehen werden, sonst ist das ja nur Farbe bzw. Material auf 'nem Bildträger' - so ein Sammler im Gespräch

Auch Fragen nach den Orten der Öffentlichkeit (als Privatmuseum bzw. collectors room versus öffentliche Kunstinstitution) sowie der globalen Kultur-Konkurrenz im 21. Jahrhundert ergeben sich. In diesem Sinne sollen künftig regelmäßig bedeutende private Sammlungen aus Deutschland und ganz Europa eingeladen werden. 'Dies entspricht dem Auftrag der Bundeskunsthalle, ein Schaufenster der Kunstlandschaft und ihrer zukunftsweisenden Faktoren zu sein' heisst es stolz in Bonn.

Die Zukunft - das Museum ohne Sammlung bzw. gnädig vom Sammler geliehenen Werken?

Doch auch fernab von jeder kunsttheoretischen bzw. soziologischen Debatte um das Verhältnis zu und der Macht von Privatsammlern ist die Ausstellung ein absolutes Muss für alle, die wissen wollen, welche Positionen sich in den letzten Jahren erfolgreich vermarktet haben. Die Ausstellung gibt viel zu denken und bietet einen einzigartigen, quasi intimen Blick in Privatsammlungen von zeitgenössischer Kunst - in dieser Fülle eine seltene Gelegenheit.

Welche von diesen Positionen sich in 50 Jahren noch im kollektiven Kultur-Gedächtnis oder gar in einem (öffentlichen) Museum befindet, wird sich zeigen, darum spricht man ja auch von Kunstgeschichte.

Siehe dazu auch Karlheinz Schmid in der Kunstzeitung (3/2010) und seinem Artikel 'Privates und öffentliches Sammeln: Wie wird man 2099 im Rückblick die Kunst von heute beurteilen.'

Service:

Bundeskunsthalle
Der Generalanzeiger aus Bonn über den "Kunstgipfel"

Die Sammlungen:
About Change, Collection
Sammlung Boros
Sammlung Evergreen Berlin
Sammlung Falckenberg, Hamburg
Collection Antoine de Galbert, Paris
Collection Marc et Josée Gensollen, Marseille
Sammlung Goetz
Sammlung Haubrok
Sammlung KiCo
Sammlung Paul Maenz, Berlin
Olbricht Collection
Privatsammlung Köln (DuMont-Schütte)
Sammlung Ringier, Schweiz
Sammlung Gaby und Wilhelm Schürmann
Julia Stoschek Foundation e.V.

Die Künstler:
Vito Acconci, Doug Aitken, Heike Baranowsky, Hubert Becker, Karla Black, John Bock, Carol Bove, Birgit Brenner, Anthony Burdin, Patty Chang, Jake und Dinos Chapman, Hanne Darboven, Nathalie Djurberg, Cheryl Donegan, Sam Durant, Marcel Dzama, Cao Fei, Fischli/Weiss, Richard Fleischer, Ceal Floyer, Gelitin, General Idea, Wade Guyton, Guyton\Walker, Philippe Halsman, Diango Hernandez, Hannah Höch, Pierre Joseph, William Kentridge, Kitty Kraus, Michael Kunze, Alicja Kwade, Lisa Lapinski, Mark Leckey, Daniel Lergon, Lucy McKenzie, Alex McQuilkin, Lorna Macintyre, Kris Martin, Mathieu Mercier, Hans Niehus, Paulina Olowska, Roman Ondák, Pavel Pepperstein, Raymond Pettibon, Peter Piller, Seth Price, Thomas Scheibitz, Tino Sehgal, Katja Strunz, Vibeke Tandberg, Mathilde ter Heijne, Mario Garcia Torres, Jens Ullrich, Cathy Wilkes, Johannes Wohnseifer, Aaron Young

Donnerstag, 28. Januar 2010

Buchtipp: Stephan Strsembski: Kapitalistischer Realismus. Objekt und Kritik in der Kunst der 60er Jahre


Kapitalistischer Realismus: Unter diesem Schlagwort wurden seit Beginn der 60er Jahre sehr frühe Werke heute weltbekannter Künstler wie Gerhard Richter, Sigmar Polke, Wolf Vostell oder Konrad Lueg ausgestellt und vermarktet.

Der kapitalistische Realismus stellt eine parallele Entwicklung zur US-amerikanischen und britischen Pop Art dar, die, wie die Untersuchung zeigt, als deutsche Spielart von Pop verstanden werden kann. Das Verhältnis ist dabei keineswegs epigonal, sondern kritisch-distanziert. Die Gemeinsamkeit ist die Abwendung von der Tradition der gegenstandslosen Kunst des Informel oder des Abstract Expressionism. Hier wie dort wird die gegenständliche Malerei mit Hilfe alltäglicher Bilder aus Werbung, Zeitungen oder privaten Fotoalben neu erfunden.

Der kapitalistische Realismus ist von seinen Erfindern nach kurzer Zeit ad acta gelegt worden. Und doch wurde der kapitalistische Realismus in der Zwischenzeit vor allem von dem Berliner Galeristen und Kurator René Block, aufgenommen, erweitert, schließlich ebenfalls als gescheitert erklärt. So changiert der kapitalistische Realismus zwischen Scherz, Kunstrichtung und ideologischem Programm.

Obwohl wegen der herausgehobenen Position der beteiligten Künstler (Richter, Polke, Vostell) der kapitalistische Realismus ein weithin bekannter Begriff der jüngeren Kunstgeschichte ist, fallen die tatsächlichen analytischen Betrachtungen im Ergebnis oft weit auseinander und sind zudem weder besonders zahlreich noch ausführlich. Das Buch ist die erste umfassende wissenschaftliche Untersuchung dieser zentralen "Epoche der Mitte-der-60er-Jahre-Kunst" (René Block).

Stephan Strsembski: Kapitalistischer Realismus. Objekt und Kritik in der Kunst der 60er Jahre
276 Seiten, Softcover,
ISBN: 978-3830049197

Erhältlich beim Verlag oder im Buchhandel

Sonntag, 24. Januar 2010

Ausstellungstipp: Roland Gätzschmann - Einzelschritt

Der Kölner Kunstverein Kölnberg e.V. würdigt den Künstler Roland Gätzschmann mit seiner ersten Schau im Jahre 2010. Gätzschmann studierte bis 2006 erfolgreich an der Düsseldorfer Akademie und erhielt zuletzt das Karl Schmidt-Rottluff Stipendium. Als Teaser hier vorab einige Blicke in die Ausstellung. 
 
 








Die Einzelausstellung zeigt großformatige Wandarbeiten, Keramikobjekte und eine Videoarbeit. Schon jetzt kann gesagt werden: Empfehlenswert - daher erscheint hier in Kürze eine ausführliche Besprechung der nur auf den ersten Blick schlichten, letztlich aber beeindruckenden Werke des Künstlers.

 









Vorab ein einführender Auszug aus dem Pressetext von Kurator Jens Mentrup:
''Gätzschmann lässt das Andere, Unerwartete entstehen. Durch die Begrenzung der Medien, die Gätzschmann wählt und die durch die Architektur begrenzte Raumordnung entstehen „autonome Abbildungen“, die nicht um die Verbesserung der Illusion von Abbildung der Realität kreisen. Vielmehr erforschen sie strukturell den Gedanken der Begrenzung eines Potenzials, sowie die Erschöpfung von Potenzial.

 





 



Gätzschmann arbeitet in der Logik des Mediums dem er sich bedient. Hierbei geht es ihm auch um Flüchtigkeit. Er gießt Wachs und macht sich die leichte Verformbarkeit zu nutze. Die Frequenz von 25 Bildern pro Sekunde in der Videoarbeit gibt ihm dem Takt für sein Werk vor. Die Objekte laufen auf eine Öffnung zu. Sie sind glasiert. Der Lichtreflex, der durch die Glasur entsteht, ist nicht Material.

 








Gätzschmann entfernt sich so mit seinem Werk vom Materiellen. Die eigene Logik und Folgerichtigkeit ist immanenter Teil seines Werkes. Aber nur ein „Einzelschritt“.''


Ausstellungsdauer - 20.2.2010
Öffnungszeiten: Do und Fr 18-20 Uhr - Sa 14-18 Uhr

Service/Links:
Kunstverein Koelnberg e.V. - Aachener Strasse 66 - 50674 Köln
Homepage Kunstverein Kölnberg
Homepage Roland Gätzschmann
Pressetext auf art-in.de
Ausstellung in der Simultanhalle Köln

Samstag, 23. Januar 2010

Buchtipp: Lena Nievers - Juan Muñoz

Der überraschend früh verstorbene spanische Künstler Juan Muñoz (1953-2001) zählt zu den bedeutensten europäischen Künstlern des späten 20. Jahrhunderts. Am bekanntesten sind seine vielfigurigen, teils mehrräumigen Installation: Sie faszinieren durch ihre fremdartigen und monochromen Gestalten sowie die ungewöhnlichen architektonischen Konstruktionen.

Barock anmutende, illusionistische Räume und seine unheimlichen wie geheimnisvollen Figuren irriteren den Betrachter. Muñoz konfrontiert ihn mit hinterlistigen Fallen, wie ein hinter einem Handlauf verstecktes, offenes Klappmesser ("first banister", 1987) oder lässt ihn durch eine von ihm selbst so genannte Zwickmühle ("double bind", 2001) irren.

In der ersten umfassenden kunstwissenschaftlichen Untersuchung zum Werk von Muñoz erarbeitet Lena Nievers die charakteristischen Elemente seiner Figur- und Raumkonzeption anhand der wichtigsten Werkgruppen des Künstlers - darunter befinden sich die großen, ephemeren Installationen "double bind", "a place called abroad" und "streetwise" - und entwickelt so die wesentlichen Grundlagen für eine längst überfällige Gesamtinterpretation seines Werkes.

Lena Nievers: Juan Muñoz - Das Verhältnis von Figur und Raum
264 Seiten
Softcover
ISBN 978-3-496014-15-7

erhältlich unter libri.de

Freitag, 22. Januar 2010

Eigenwerbung: punk is said to be dead, but...

Ausgehend von der Ausstellung "rattus norvegicus" im Leopold-Hoesch-Museums in Düren wurde für die Hamburger Sammlung Dahlmann ein Katalog erstellt, der sich auf nur einen Teil der Sammlung konzentriert.

Der Fokus der Publikation liegt auf den Werken und Positionen, die Berührungspunkte mit der Punk-Kultur aufzeigen.


Einzeltexte zu den in der Ausstellung vertretenen 14 Künstlern werden ergänzt durch Untersuchungen über die Tradition der Provokation, des zivilen Ungehorsams, der Auflehnung gegen das Gewohnte und dem Aufbrechen von Denkstrukturen in der Kunst: die Geschichte des Tabubruchs im Design des letzten großen Stellvertreters der Protestkultur - Punk.

Künstler: Tjorg Douglas Beer, Werner Büttner, Zhang Dali, Michael Deistler, Georg Herold, Paul McCarthy, Jonathan Meese, Bjarne Melgaard, Stephan Mörsch, Markus Oehlen, Thomas Rieck, Oliver Ross, Gerd Stange, Thomas Zipp

Mehr Informationen zum Katalog und Bestellung unter: www.kunstlich.com/rattus_norvegicus.html oder über das Museum in Düren.
































Mittwoch, 20. Januar 2010

Ausstellungstipp: Politische Bilder. Sowjetische Fotografien. Die Sammlung Daniela Mrázkowá

Das Museum Ludwig zeigt die kürzlich angekaufte Sammlung der in Prag lebenden Kuratorin und Publizistin Daniela Mrázkowá und dokumentiert damit ein vielschichtiges Bild der jungen Sowjetunion bis 1941.

Einerseits handelt es sich um zeitgeschichtliche Dokumente, die eine Vielfältigkeit und Weitläufigkeit eines Riesenreiches zeigen, andererseits wird politische Propaganda ausgestellt, die weit über die Grenzen der Sowjetunion hinaus wahrgenommen wurde. Zugleich werden künstlerische Tendenzen und Techniken in der Fotografie vermittelt, deren Bedeutung dem Publikum nicht unbedingt bewusst ist.

Aber im Einzelnen: Die Sowjetunion hatte nach der Revolution eine vergleichsweise hohe Analphabetenquote von ca. 68% (1920). Parallel zur rasanten Entwicklung in der Fotografie, die es zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts erlaubte, unter relativ einfachen Bedingungen zu fotografieren und zu entwickeln, entstand erstmals eine Situation, die es ermöglichte, politische Propaganda vor allem über die Fotografie zu betreiben. Zunächst in Schaukästen und relativ bald über Zeitschriften und Illustrierte konnte jedermann in der Sowjetunion erreicht und beeinflusst werden.

Die Leistungen der arbeitenden Bevölkerung konnten im ganzen Land vermarktet werden. Ambitionierte Großprojekte, wie der Bau von Staudämmen und Eisenbahnlinien wurden ebenso ins allgemeine Interesse gerückt wie die Schicksale einzelner Personen und Familien. Eine Reportage über die Arbeiterfamilie Filipow wurde gar in der deutschen Arbeiter-Illustrierten-Zeitung veröffentlicht und zeigte wie gut die "durchschnittliche moskauer Arbeiterfamilie" lebte. Mit moderner Wohnung, Datscha und Freitzeitclub wurde die Überlegenheit des Systems demonstriert.

Andererseits finden sich in der Sammlung Daniela Mrázkowáauch Fotografien, die von essenziellen Meinungsverschiedenheiten über den Einsatz der Fotografie zeugen. Bilder beispielsweise Rodschenkos, die nicht dem "Sozialistischen Realismus", sondern eher künstlerischen Mitteln huldigten, wurden nicht verstanden und teilweise stark kritisiert.

Einen Strommast beispielsweise in der Untersicht zu fotografieren ist heutzutage nichts ungewöhnliches und ein künstlerisches Mittel, dass einem bestimmten Zweck dienen kann. In den zwanziger Jahren wurden jedoch Überblendungen und perspektivische Kunstgriffe mindestens nicht verstanden oder gar angefeindet. Der Betrachter erkannte gar nicht um welches Motiv es sich handelte oder befand, es müsse sich um einen Fehler des Fotografen handeln.

Die Dimension der Pionierleistung, die von diesen frühe Fotografen geleistet wurde, welche mit den Sehgewohnheiten der Menschen brachen und somit ihren Horizont erweiterten, ist kaum zu ermessen. Fazit: Eine Ausstellung, die nicht nur die Fragen nach dem "Was", "Wie" und "Wann" stellt sondern vor allem das "Warum" angeht, ohne viel Aufhebens zu machen. Empfehlenswert.

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Museum Ludwig Köln
23.10.09 - 31.01.10

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag (inkl. Feiertage): 10 – 18 Uhr und jeden ersten Donnerstag im Monat von 10 – 22 Uhr, montags geschlossen

Dr. Bodo von Dewitz (Kurator)

Webseite des Museum Ludwig zur Ausstellung

Webseite des Museo Nacional Reina Sofia zu einer Konferenz im Rahmen der Ausstellung über Arbeiterfotografie der 20er und 30er Jahre

Informationen zur Ausstellung im MNCARS auf kunstlich.com

Montag, 18. Januar 2010

Ausstellungstipp: Was nicht passt, wird passend gemacht


Kunst spielerisch entdecken – Die Kölner Ausstellung ’Autotheater’ von Franz West


Baumaterialien und Neurosen. Der Künstler Franz West liebt Provokationen und ungewöhnliche Verbindungen. Seine Kunstwerke sollen wie Prothesen, Kleidung oder Möbel benutzt werden und verwirren mit scheinbar einfachen Titeln und undefinierbaren Formen. Der listige Kunst-Schelm hat sein Werk in Köln selber inszeniert. Kein Wunder - Kaspar König zeigte Wests Passtücke bereits zu Beginn der 1980er in Köln.

Das Kölner Museum Ludwig widmet dem 62jährigen Künstler Franz West die erste große Retrospektive in Europa. Ein vielseitiger Parcours mit Arbeiten von 1972 bis heute, der einen guten Überblick auf das Werk des österreichischen Enfant terrible bietet. West ist dank seines subversiven Humors und spektakulärer Aktionen bekannt. In Wien goss er 2001 rosa Lack auf einen schicken Maserati und verwandelte ihn auf deisem Wege in eine Autoskulptur - Bild- und Kronenzeitung schlachteten den Kunstskandal genüsslich aus. So oder ähnlich provoziert West immer wieder gerne Fragen nach dem Wesen und Sinn von Kunst.

Kunstbetrachtungen

Die Ausstellung beginnt mit einer Installation, die an ein Möbellager erinnert. Der Besucher wird von den West-typischen, kargen Metallbänken empfangen, die mit bunten Stoffen belegt sind und Kunstkennern seit seinem docementa-Beitrag vertraut sind. Ein verwirrender wie entspannter Auftakt. Links und rechts von den Sitzmöbeln laufen Videos. Von den Bänken aus fällt der Blick in den Empfangsbereich. Die Besucher des Museums scheinen im Zentrum zu stehen. West lädt zum Beobachten des Publikums ein - Selbstreflexion oder Voyeurismus?

Ungewöhnliche Annäherungen - Neurosen werden Plastik

Im nächsten Raum wird deutlich, dass Wests Werke auf neugierige und aktive Besucher warten. Von der Decke hängen ringförmige "Passstücke", die man sich über Kopf und Oberkörper stülpen kann. Damit keine Missverständnisse entstehen, signalisiert eine schwarze Hand an der Wand, dass es sich um Werke handelt, die benutzt werden sollen. Kunst und Mensch passen sich einander an, entwickeln eine körperliche Beziehung. Der freie Umgang war und ist die Besonderheit der "Passstücke", mit denen West seit den 1980er Jahren bekannt wurde. Ziel ist ein unbefangenes Spiel.

Bitte keinen Abstand halten - Berühr mich!

West strebt nach einem aktiven Dialog zwischen Kunst und Mensch. Seine "Passtücke" und Möbelskulpturen sollen benutzt werden und brechen mit der Tradition. Kunst gilt als kostbar und fragil, sie soll nicht berührt werden. Absperrungen, Linien auf dem Boden oder Aussichtspersonal sorgen für den gewünschte Distanz. Diese Tradition des Kunsterlebens ist so tief in den Köpfen der meisten Menschen verankert, dass sich trotz der Aufforderungen auch in Köln kaum jemand traut, die Objekte zu berühren.

Demokratische Kunst

Die "Passstücke" erinnern an die Fluxus-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre, die einen spielerischen und demokratischen Umgang mit Kunst suchte. Dieser Ansatz zeigt sich auch an den möbelartigen Objekten, die West seit den 1980er Jahren schafft. Er baut seine Möbelskulpturen aus billigem Material wie Baustelleneisen und Sperrholz. Grenzen zwischen Design und Kunst verschwimmen. So wie die "Kantine" (1998) genannte, aus schlichten weißen Tischen und Stühlen bestehende Installation, die - um einen pinkfarbenen Phallus gruppiert - einmal das Café im Kölner Museum möblierten. Doch die harten Sitzflächen und rauhen Kanten der Möbel wollten sich dem Café-Gästen nicht so recht anschmiegen und wurden schließlich gegen langweilige Standardware ausgetauscht. Der Titel "Kantine" führt bewusst in die Irre. "Die Bezeichnung (…) ergibt sich aus dem ins Weibliche transmutierten Namen Kant…", erklärt West listig auf einem Plakat. Philosophen haben es dem Künstler angetan, sein Werk ist voller Referenzen an deren Ideen und Konzepte.

Remix

West kreuzt Hoch- und Alltagskultur, Spiel und Ernst miteinander. Stühle sind Skulpturen und Kommoden werden Sockel für Skulptur. Spielerisch überwindet er so Grenzen zwischen angewandter und bildender Kunst. Neben feinsinnigen wie derben Humor ist vor allem Irritation Programm: "Treten Sie hinter den Paravant, entkleiden Sie sich und legen Sie das Gewand auf den Sessel. Bleiben Sie 5 Minuten so und verhalten Sie sich nach eigenem Ermessen" lautet die "Anleitung" der Installation "Ohne Titel" (1989).

Ist das Kunst, fragt die Boulevardpresse stellvertretend

Die Kölner Ausstellung gleicht einem listigen Verwirrspiel. Wie ernst man die Worte Wests nimmt, bleibt jedem überlassen. Als subtiler wie ironischer Hinweis auf diese Freiheit erscheinen die auf den Tischen der "Kantine" liegenden Kartenspiele. Wer mit der Kunst nichts anzufangen weiß, kann Karten spielen.


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Links/Service:


Museum Ludwig Köln


Wikipedia über Franz West


FranzWest.at - Atelier + Archiv


art - kunstmagazin online-Rezension Almuth Spiegler


Die Kölner Ausstellung läuft noch bis zum 14.03.2010.


Öffnungszeiten:

Dienstag bis Sonntag (inkl. Feiertage): 10 – 18 Uhr

jeden ersten Donnerstag im Monat: 10 – 22 Uhr

montags geschlossen


Die Ausstellung wird im Mai 2010 im Museum Madre in Neapel und anschließend ab September 2010 im Kunsthaus Graz zu sehen sein.